Von Kunming nach Dali
28. bis 31.März ⋅ ☁️ 21 °C
Irgendwas ist immer. Nachts wache ich mit stechenden Schmerzen über‘n rechten Ohr auf. Oha - denke ich. Irgendwie habe ich es erwartet. Es rächen sich die vielen Taxifahrten mit weit geöffneten Fenstern. Noch hoffe ich, es ist nur ein Empfinden. Ich werfe ein paar Ibu’s ein und versuche positiv zu denken.
Am nächsten Morgen geht es mir etwas besser.
Das komfortable Taxi-Gefährt bringt uns zur Kunming Railway Station.
Nicht -nan oder -bai. Nein, ohne Endung befindet sich der Bahnhof mitten in der Stadt.
So sind wir in einer Viertelstunde am Ziel.
Mittlerweile sind wir Profis, was das Zugfahren anbetrifft und kommen nur noch knapp ne Stunde
vor Abfahrt zum Bahnhof.
Ich frage mich, ob wir in einem Monat, dann nur noch ne Viertelstunde früher kommen.
Der Ablauf ist bekannt, ist so verlässlich präzise, pünktlich und sehr gut kalkulierbar.
Also „no-need“ viel früher da zu sein.
Mit dem D 3932 fahren wir nach Dali.
Die Wagonnummern sind nicht wie sonst auf dem Boden markiert. Nein hier ist Moderne eingezogen. Hier gibt es Säulen.
Exakt 2:08 Stunden später erreichen wir Dali City.
Schon bei der Einfahrt ist ein dichtes Häusermeer zu sehen. Ein paar Hochhäuser stehen zwischendrin.
Aber alles im potthässlichen weiß-grau.
Das, wo wir ankommen, ist das neuere Dali (einst Xiaguan). Entstanden im 14. Jh (während der Ming-Dynastie)
wurde aber erst 1983 administrativ mit dem alten Dali vereint.
Unsere Unterkunft bietet ein kostenlosen Shuttleservice an. Der Fahrer steht mit einem Schild da, der
Kampf mit den lästigen Taxifahrern entfällt.

Glücklicherweise bleiben wir nicht hier in dem neueren Stadtteil.
Für uns geht’s in das alte, das ursprüngliche Dali, das schon im 8Jh. gegründet wurde.
Bid dahin folgt eine 30-minütige Fahrt in den Norden von Dali.
Die Yupin Villa the Heritage Chinese Mansion, unser Zuhause für die nächsten drei Tage, liegt etwa 1.5 Kilometer von der Altstadt - der „Ancient City“ entfernt.
Als unser Taxifahrer andeutet, dass wir am Ziel sind, ist mein erster Gedanke: Bitte nicht. Das soll ich gebucht haben?
Gegenüber steht ein nettes Haus - aber sonst?
Der Weg unbefestigt… irgendwie wirkt alles nicht wirklich einladend.
Während ich versuche die Lage einzuschätzen, kommt schon Personal aus der Unterkunft „geschossen“, schnappt sich unser Gepäck und wir folgen.

Nun treten wir ein in eine andere Welt.
Eine - wie aus einem historischen China-Film. Wo alle chinesischen Elemente Platz haben.
Von Wasserführung entlang des Weges im ersten Aussenhof, Bögen, ein Tisch, einem chinesischen Brettspiel
drauf, Planzen und Steinlaternen.
Im inneren Innenhof erst geht es richtig los.
Eine Pagode, ein Teich mit Koi-Fischen, Käfige mit Vögeln, üppiges aber dennoch gepflegtes Grün, kleine Wege
und unglaublich viele Fotomotive.

Das angeblich englisch sprechende Personal – wie beim Buchen ausgewiesen – spricht natürlich kein Englisch. Dank der allgegenwärtigen Übersetzungs-Apps fällt das allerdings kaum ins Gewicht. Die Kommunikation funktioniert erstaunlich gut und meist schneller, als man erwarten würde.
Wir werden in unser Zimmer geführt, das auf den ersten Blick recht „übersichtlich“ wirkt. Eine Couch, ein gewaltiger Naturstein als Couchtisch, ein Esstisch und allerlei liebevoll arrangierte chinesische Dekoration bestimmen das Bild.
Ich versuche mich an die Buchungsbeschreibung zu erinnern.
Insgeheim bin ich aber etwas irritiert und frage Rainer: „Und wo schlafen wir?“
Rainer schaut sich um und meint trocken: „Wir müssen bestimmt die Couch ausziehen.“
Hm. So etwas habe ich gebucht?

Da entdecke ich eine Treppe.
Und augenblicklich ist die Welt wieder in Ordnung. 😍
Im oberen Stockwerk erwartet uns ein wunderschöner Schlafbereich mit eigener Terrasse.
Nun ergibt auch die Aufteilung des Zimmers Sinn. Alles ist mit viel Liebe zum Detail eingerichtet
und verbindet traditionellen chinesischen Stil mit einer gemütlichen Atmosphäre.
Je länger wir uns umsehen, desto mehr kleine Besonderheiten fallen uns auf.





Das Frühstück ist sehr chinesisch und erfordert anfangs etwas Vertrauen in das, was da auf dem Tisch steht.
Das Ei, die Süßkartoffel und die Bao's sind noch eindeutig zu identifizieren.
Aber was steckt in der gelben Füllung? Ich mag es einfach nicht, irgendwo hineinzubeißen, ohne zu wissen,
was mich erwartet – nur um dann möglicherweise enttäuscht zu werden.
Doch das ändert sich schnell. Ab dem zweiten Morgen frühstücken wir gemütlich im Zimmer.
Per WeChat frage ich einfach nach, was das eine oder andere Gericht ist.
Mit jedem Tag wächst die Neugier und die Hemmschwelle sinkt.
Am dritten Morgen schmeckt eigentlich alles richtig gut.
Nur mit der lila Suppe werde ich nicht warm. Die wiederum findet Rainer ausgesprochen lecker.
So unterschiedlich können Geschmäcker sein.

Jeden Nachmittag wird ein Afternoon Tea serviert.
Auf einem Tablett werden frisches Obst, Pommes mit Chicken Nuggets sowie Rosentee aus echten Rosenblüten gereicht.
Eine etwas ungewöhnliche Kombination, die man so wohl nur in China serviert bekommt.
Aber man muss ja nicht alles essen. Während wir den duftenden Rosentee genießen und uns durch die verschiedenen
Kleinigkeiten probieren, lassen wir vor allem das besondere Ambiente auf uns wirken.
Die liebevoll gestaltete Unterkunft, die ruhige Atmosphäre und die vielen kleinen Details machen diese
Pause am Nachmittag zu einem festen Bestandteil unseres Tages. Wir genießen einfach den Moment.


Die Villa beeindruckt uns so sehr, dass wir mehr über ihre Geschichte erfahren möchten.
Es dauert nicht lange, bis das Personal mir per WeChat Infos über dieses Haus sendet.
Das Gebäude wurde vor über 200 Jahren während der Qing-Dynastie von dem wohlhabenden Kaufmann
Li Wenbing erbaut. Der Überlieferung nach ließ er den Standort erst auswählen, nachdem er zahlreiche
Feng-Shui-Meister konsultiert hatte. Gemeinsam mit seiner Familie lebte er anschließend in diesem
weitläufigen Anwesen.
Architektonisch handelt es sich um ein traditionelles Bai-Vierhof-Haus („Siheyuan“) mit insgesamt vier Innenhöfen.
Li Wenbings Handelsunternehmen trug den Namen „Hongfa Xiang“ und war weit über die Grenzen Yunnans hinaus
bekannt. Seine Geschäfte reichten bis zur Straße von Malakka und in viele Teile Südostasiens. Auch nach seinem
Tod blieb das Anwesen über Generationen hinweg im Besitz der Familie.
Heute steht die Villa unter Denkmalschutz. Die aufwendige Restaurierung wurde in enger Zusammenarbeit mit den drei noch lebenden Nachkommen der Familie entwickelt, um den historischen Charakter des Hauses möglichst originalgetreu zu bewahren.
Seit 2024 wird das Anwesen als Boutique-Hotel genutzt. Wir gehören also zu den Glücklichen, die eine solche Möglichkeit haben, in einem authentischen Bai-Herrenhaus zu übernachten und gleichzeitig ein bedeutendes Stück der regionalen Geschichte zu erleben.
Der Garten am Tag:



Die Aufenthaltsräume:

Ambiente am Abend:




Am Ankunftstag geht es mir nicht gut. Das mit meinem Ohr, das wird einfach nicht besser. Also schlafe ich so viel nur geht. Rainer geht dann am frühen Abend nochmals die Gegend erforschen. Zum Abendbrotessen können wir uns dann beide aber nicht aufraffen.
Am nächsten Tag ist es bewölkt und über der Bergkette hängt ein fettes Wolken-UFO. Ganz anders als es die zwei WetterApps noch gestern angezeigt haben. Da war von purer Sonne die Rede 😐

Three Pagodas of Chongsheng Temple
Eine der Hauptattraktion und bekanntesten Wahrzeichen der chinesischen Provinz Yunnan
sind die über 1000 Jahre alten Three Pagodas of Chongsheng Temple in Dali.
Die befinden sich nördlich der Altstadt von Dali also praktischerweise da wo wir wohnen in erlaufbarer Nähe.
Und weil wir etwas verplant unterwegs sind, dauert es bis wir den richtigen Eingang finden.
Aber erst einmal zahlen wir den Seniorenpreis 74¥ (etwa 9.40€) und spazieren los.
In einem digitalen Land wie China gibt es natürlich keinen Papierplan.
Und ganz ehrlich gesagt, haben wir keinen erwartet. Noch am Eingang stehend denken wir, wir schauen uns die „drei Türmchen“ an und gut ist‘s.
Dass die Pagoden aber auf einem riesigen Tempel-Areal stehen - das haben wir nicht geahnt.
Die riesige Anlage besteht aus drei Pagoden, die vor mehr als 1.000 Jahren während der Zeit des Nanzhao- und später des Dali-Königreichs errichtet wurden.


Dieses Meer aus goldenen Wunschglocken entdecken wir neben einem Verkaufsstand.
Tausende rote Bänder mit kleinen Glöckchen. Auf den Anhängern sind Wünsche und Hoffnungen verewigt.
Gesundheit, Glück oder Erfolg.
Die Farbe Rot steht in China für Glück, Erfolg und Wohlstand.
Die Tempelanlagen haben zwar verschiedene Anhänger, eine rote Quaste gehört aber stets dazu.

Zwischen den Drei Pagoden und den großen Tempelhallen erstreckt sich ein ruhiger Garten- und Hofbereich
mit alten Bäumen, Pavillons und traditionellen Gebäuden. Die verschlungenen Wege, steinernen Balustraden und schattigen
Plätze sind außergewöhnlich um die besondere Atmosphäre der Anlage auf sich wirken zu lassen.
Die jahrhundertealte Zypressen rahmen fast jedes Foto ein.
Momentan haben wir aber auch Glück und der Himmel lässt ein paar Sonnenstrahlen durch.

Das ist die mittlere Pagode, die sogenannte Qianxun Pagoda. Mit rund 69 Metern Höhe überragt sie
die beiden anderen Pagodas deutlich. Sie gilt als das Wahrzeichen der Anlage.
Gemeinsam zählen die Drei Pagoden zu den bedeutendsten und am besten erhaltenen buddhistischen Bauwerken Chinas.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Pagoden zahlreiche starke Erdbeben überstanden haben
und nach mehr als tausend Jahren noch immer nahezu unverändert erhalten sind.
Ursprünglich gehörten sie zum einst gewaltigen Chongsheng-Tempel, dem wichtigsten buddhistischen
Heiligtum des damaligen Dali-Königreichs. Während die Tempelbauten im Laufe der Jahrhunderte zerstört wurden,
blieben die Pagoden die Wirren der Zeit nahezu unversehrt und sind damit praktisch die letzten originalen
Zeugnisse dieser bedeutenden Epoche.


Als wir schon ein beträchtliches Stück bergauf gelaufen und zig Treppen aufgestiegen sind, stellt sich
heraus, dass es einen Shuttlebus für den weiteren Weg gibt. Die Tickets aber ganz am Anfang gekauft werden müssen…
Für weitere 70¥.
Für uns lohnt es sich dennoch. Zum einen ist die Fahrt eine echte Erleichterung. Denn es geht stetig berghoch.
Und zum anderen beginnt es gerade zu regnen.
Die Halle der Himmelskönige (Hall of Heavenly Kings) ist traditionell die erste große Halle eines chinesischen Tempels.
Hier stehen die vier Himmelskönige, die symbolisch die vier Himmelsrichtungen bewachen.
Sie sollen den Buddhismus schützen und negative Einflüsse fernhalten.

Am letzten Tempel steigen wir aus.
Wieder einmal beeindrucken die einzigen Tempelbauten. Alles ist ziemlich gigantisch.
Auch im Inneren. Die Buddha Statuen werden immer größer und reich verzierter.
Alles was wir hier sehen, wurde nach umfangreichen archäologischen und historischen Studien neu errichtet und im Jahr 2005 fertiggestellt.





Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf den Erhai Lake und auf die Cangshan Mountains.


Das Wetter bleibt unbeständig.
Bei nächsten größeren Regenschauer flüchten wir endgültig und lassen uns vom Shuttle wieder zum Eingang bringen.
Hier scheint wieder die Sonne 😉
Ein letztes Foto - und dann geht's zum Ausgang, der an einem völlig anderen Ort ist als der Eingang,
von wo uns Didi zur Unterkunft bringt.

Die antike Stadt Dali
Am Abend machen wir uns zu einer ersten Erkundungstour in die historische Altstadt von Dali auf, auch als „Ancient Town“ bekannt. Hier tobt das Leben. Unglaublich viele Menschen schlendern zwischen den herrlichen alten Gebäuden. Mit einem solchen Trubel hatten wir nicht gerechnet.
Die Region Dali war einst das Zentrum der unabhängigen Reiche Nanzhao und später des Königreichs Dali. Erst nach der Eroberung durch die Mongolen unter Kublai Khan im Jahr 1253 wurde die Region dauerhaft Teil des chinesischen Reiches. Nachdem die Ming-Dynastie 1382 die Mongolen aus Yunnan verdrängt hatte, ließ sie Dali als strategisch wichtige Garnisons- und Verwaltungsstadt neu errichten. Aus dieser Zeit stammen die Stadtmauer sowie die vier monumentalen Stadttore im Norden, Süden, Osten und Westen.
Die Altstadt wurde nach einem schachbrettartigen Muster angelegt.
Fünf Straßen verlaufen von Nord nach Süd, acht von Ost nach West. Orientierungslosigkeit ist hier nahezu ausgeschlossen.
Die historische Stadtmauer ist 2,5 Zhang (etwa 8 Meter) hoch und 2 Zhang (etwa 7 Meter).
Zhang (丈) ist übrigens ein historisches chinesisches Längenmaß.
Ein Zhang entsprach zur Zeit der Ming-Dynastie ungefähr 3,2 Metern.
Interessant ist auch, dass das genaue Maß je nach Epoche variierte.
An jeder Himmelsrichtung befindet sich ein Stadttor: Tonghai im Osten, Cangshan im Westen, Chengen im Süden und Anyuan im Norden. Zusätzlich bewachten vier Ecktürme die Stadt. Yingchuan, Xiping, Kongming bzw. Changqing genannt.
Wir schlendern nur die Hauptstrasse entlang, wo sich ein Geschäft an das nächste reiht. Restaurants,
Cafés, kleine Boutiquen und Souvenirläden sorgen für eine lebendige Atmosphäre.
Wir sind begeistert.
Auffällig sind die zahlreichen Teegeschäfte. Das hat einen historischen Hintergrund: Dali lag an der berühmten T ee-Pferde-Straße, einer rund 3.000 Kilometer langen Handelsroute, die seit dem 7. Jahrhundert die Teeanbaugebiete Yunnans und Sichuans mit Tibet verband. Über diese Route wurde chinesischer Tee nach Tibet transportiert und gegen tibetische Pferde eingetauscht. Der Handel brachte Wohlstand in die Region und prägte Dali über Jahrhunderte hinweg.


Bei unserem ersten Spaziergang durch Dalis Altstadt begegnen wir den ursprünglich 856 n. Chr. erbauten Wuhua Tower
Dieses Tor war niemals ein Wehr- oder Stadttor, sondern immer schon das wichtigste
repräsentative Bauwerk der alten Hauptstadt des Nanzhao-Königreichs.
Von hier aus empfing der König Gesandte aus China, Tibet und Südostasien.
Der Turm war damit ein Symbol für Macht, Wohlstand und die internationale Bedeutung des Nanzhao-Reiches.
In den Kriegswirren der frühen Ming-Zeit wurde er allerdings zerstört.
Ende 1998 begann man mit dem Aufbau des neuen Wuhua Towers. Alles geschah anhand historischer alter Darstellungen.
Im Frühjahr 1999 war der Aufbau fertig. Seit dem ist das Schmuckstück nicht nur schön anzusehen - im Inneren gibt es
einen Aufgang der auf die Aussenterrasse führt. Von hier beobachten wir das Treiben.


Zum Abschluss des Tages wollen wir in einem für Pilzgerichte spezialisiertes Restaurant essen. Die Gegend ist bekannt für verschiedenste Pilzsorten, die im Cang Shan Gebirge (also hier wo wir wohnen) wachsen und im Ausland - insbesondere in Japan - ein Vermögen kosten.
Nun. Solche Auskenner sind wir dann doch nicht - wir wären schon mit einer netten Speise zufrieden.
Zitronenhuhn mit Pilzen und wie immer viel „Grün“ bestellen wir mit Hilfe einer englischsprachigen Frau von Nebentisch.
Natürlich weisen wir immer wieder darauf hin, dass es nicht scharf sein soll.
Was da aber serviert wird, verschlägt uns den Atem. Das ist blankes Feuer!
Rainer pickt etwas im Essen rum, um Genießbares zu finden. Ich finde mich mit dem blanken Reis ab.
Etwas enttäuscht sind wir schon.
Aber offensichtlich ist das nun mal, wie man hier isst.
Meine Ohrenschmerzen sind auch am nächsten Tag noch sehr dominant. Am liebsten würde ich einfach in eine Apotheke gehen
und mir etwas holen. Doch die Mitarbeiterin unserer Unterkunft, mit der wir über WeChat in Kontakt stehen, meint es gäbe hier keine Apotheke.
Ich solle ich direkt die Notaufnahme eines städtischen Krankenhauses aufsuchen.
Also gut. Wir entscheiden uns für das Dali No. 2 People's Hospital in der Altstadt.
Ehrlich gesagt rechne ich mit einer langen Wartezeit.
Wer kennt es nicht aus Deutschland? Da kann schon mal ein Tag draufgehen.
Doch hier läuft alles anders. Zunächst müssen wir an der Anmeldung die Behandlung bezahlen.
Die Gebühr beträgt gerade einmal 4,40 Yuan, umgerechnet knapp 60 Cent.
Anschließend werden wir in eines der Nebengebäude geschickt, in dem sich die HNO-Abteilung befindet.
Dort irren wir erst einmal durch verschiedene Etagen, bevor wir ie richtige Station finden.
Die eigentliche Wartezeit beträgt dann gerade einmal fünf Minuten.
Nach einer Untersuchung mit einer kleinen Kamera steht die Diagnose fest: Mittelohrentzündung.
Ich bekomme Ohrentropfen und Tabletten, Antibiotika sind nicht notwendig.
Keine 40 Minuten nach unserer Ankunft verlassen wir das Krankenhaus bereits wieder.
Und nun? Zurück ins Bett und ausruhen?
Ich weiß es nicht. So schlecht fühle ich mich eigentlich gar nicht.
Also verschwindet das schmerzende Ohr unter meinem Bandeau, und wir machen das,
wofür wir nach Dali gekommen sind: Wir spazieren weiter durch die Altstadt.
Gleich in der Nähe des Krankenhause befindet sich das
Nordtor.
Hier beginnen wir unseren Spaziergang. Wir wollen uns das Tor und so einen mächtigen Durchgang durch die
Stadtmauer am Tag ansehen. Das Tor bildet auch die Grenze für den Autoverkehr.
Im Inneren der Stadtmauer dürfen maximal Mopeds fahren. Andere
Motorisierung ist verboten.
Das Nordtor - Anyuan Gate
Das Nordtor ist – wie der Name schon sagt – der nördliche Zugang zur Altstadt von Dali.
Ursprünglich trug es den Namen Anyuan Gate (安远门), was sinngemäß „Tor des fernen Friedens“ bedeutet.
Es wurde im Jahr 1382 während der Ming-Dynastie errichtet und ist ein typisches Beispiel der damaligen
chinesischen Torarchitektur.
Vor rund 600 Jahren erhielt das Tor aufgrund seiner Blickachse zu den berühmten Drei Pagoden den Beinamen
„Three Pagodas Gate“. Von den oberen beiden Etagen des Torturms bietet sich ein schöner Ausblick
auf die Altstadt sowie auf die imposanten Cangshan-Berge im Westen.
Im Gegensatz zum Ost- und Westtor, die in neuerer Zeit rekonstruiert wurden, gilt das Nordtor zusammen mit dem Südtor als einer der ältesten erhaltenen Teile der historischen Befestigung. Die Nordtor-Anlage wurde 1984 restauriert, wobei man sich an den historischen Vorbildern orientierte.
Blick von außen in das Tor:

Blick von innen

Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen aufzusteigen und den Blick von hier oben auf die Stadt zu haben. Es ist doch etwas, was man aus dieser Perspektive nie sieht. All die Dächer bilden eine Art Einheit. Wie ein Schirm, der über der Altstadt hängt.

...bei dieser Treppenhöhe bin ich irritiert.
Ich dachte immer die alten Chinesen waren ziemlich klein.

Impressionen der Ancient City
Wir schlendern dann weiter durch die Altstadt. Andere Straßen als gestern.
Andere Seitenstraßen. Entdecken hier und da schöne Ecken. Beobachten die Menschen, die hier leben oder einfach nur
arbeiten.
Da sind zum Beispiel Frauen, die die Pilze sondieren und putzen. Eine gute Gelegenheit hier
einen zweiten Anlauf zu machen auf eine Pilzspeise, die nicht wie Feuer schmeckt.
Und wir waren erfolgreich. Die Pilzpfanne mit Reis schmeckt sensationell lecker.

Weitere Impressionen aus Dali's Ancient City

Auf dem oberen Bild sind Hühnerfüße mit Dai-Geschmack 🤔
Und nein - wie haben es nicht getestet...
Aber was da in den Schalen liegt, bleibt für uns unbeantwortet.


Richtig interessant sind die Besuche eines Teeshops, von denen es hier unendlich viele gibt.


In einer nächsten Seitenstraße eröffnet sich ein vollkommen anderes Bild.
Das ist alles eine wirkliche Fußgängerzone zum Flanieren und zum "Leute-gucken".
Und - zum fotografiert werden. Welcher Aufwand dazu getrieben wird, wie gern sich Chinesinnen fotografieren,
mit welchen Filtern sie das tun, das alles werden wir erst auf der weiteren Reise
lernen. Nichts davon ist bei uns bekannt.


Dali Catholic Church
Auf meiner Wunschliste steht der Besuch einer Kirche, der Dali Catholic Church.
Der katholische Glaube wurde durch französische Missionare 1873 nach Dali gebracht.
In den folgenden Jahrzehnten entstand eine kleinen katholischen Gemeinde nebst einer Kirche in der Altstadt.
Die wurde aber 1925 bei einem schweren Erdbeben weitgehend zerstört.
1927 begann man mit dem Bau der heutigen Kirche. Entworfen von europäischen Missionaren.
Ausgeführt durch lokale Bai-Handwerker. 1932 wurde sie offiziell eingeweiht.

Trotz AMap haben wir Probleme die Kirche zu finden. Und als wir davor stehen,
kann ich gar nicht glauben, dass eine katholische Kirche sein soll.
Die geschwungene Dächer, die ich so mag, "passen" irgendwie nicht zum Bild eines Kirchenbaus, wie man das so kennt.
Kunstvolle Holzarbeiten und typische Bai-Elemente prägen das Erscheinungsbild.
Und dazu die riesigen Kreuze.
Zugegeben sieht sie sensationell aus. Beeindruckend. Anders.
Es steht geschrieben, dass dies ein einzigartiges Beispiel kultureller Verschmelzung sei.
Sie steht sinnbildlich für den kulturellen Austausch zwischen China und dem Westen und erinnert daran, dass
Dali seit Jahrhunderten ein bedeutender Treffpunkt verschiedener Kulturen und Religionen war.


Genug gesehen. Wir machen uns auf den Rückweg.
Am Westtor steht eine Frau mit einer enormen Auswahl an frischen Obst und Gemüse.
Die Aprikosen, deren Farbe aussieht als wenn sich jemand am Farbregler vertan hätte, haben es
Rainer angetan. Irgendwie sehen sie frisch aber auch unecht aus. Ich bin da skeptisch. Aber Rainer
packt in das Tütchen ein.
Was die KI dazu sagt: Es sind echte, konservierte bzw. kandierte Früchte.
Sie werden in Zucker- bzw. Salzlake haltbar gemacht.
Sie schmecken letztendlich sehr aromatisch. Sind aber in der Konsistenz eher fest.

Am frühen Nachmittag geht’s zurück in unser Domizil, wo auf der Terrasse endlich die Sonne scheint. Wir genießen das Ambiente am letzten Nachmittag

So geht es weiter
Am Abend recherchiere ich ein wenig die Transportmöglichkeiten der weiteren Reise.
Denn nicht jeder Ort auf unserer geplanten Route ist mit dem Zug erreichbar…
Schon unser morgiges Ziel nach Shaxi, hat uns die Rezi organisiert.
Der Fahrer meldet sich prompt über WeChat bei mir und bestätigt seinen Auftrag.
Wahrscheinlich werden wir dann öfter auf ein Taxi zurückgreifen müssen. Mal sehen…

