Naturwunder Wulong
17. April ⋅ ⛅ 21 °C
Das Wetter ist fantastisch und der Blick aus der 49. Etage auf Teile Chongqings einfach genial.
Wir sind heute früher als sonst aufgestanden, denn wir wollen uns das nahegelegene Karststeingebiet anschauen.
Die Zugtickets für die Hinfahrt habe ich bereits gestern Abend gekauft. Bei Trip.com. Wo sonst? 😉
Der G-Zug startet von Chongqingdong. Also vom Ostbahnhof. Schon als wir uns dem Gebäude nähern, sind wir fassungslos vor Staunen über die Größe des Bahnhofs.
Erwähnen muss ich, dass dies „nur“ der Ostbahnhof ist. Chongqing hat noch vier weitere dieser Größe. Und Dutzende kleinere.
Was immer auch klein bedeutet.
Im Inneren ist der Bahnhof nicht nur modern sondern so übersichtlich gestaltet, dass man es nicht schafft, sich zu verlaufen.


Und hier erwartet uns schon die Zugbegleiterin unseres Wagons.

Genau 38 Minuten braucht der Zug bis Wulongnan.
Da wir null Ahnung haben, wie genau wir ins Naturgelände kommen, folgen wir erst einmal der Masse Richtung Ausgang.
Geplant ist eigentlich eine einstündige Fahrt mit Didi. Aber so weit wird es erst gar nicht kommen.
Am Ausgang laufen wir nämlich in die Arme gut organisierter Busse. Gestikulierend fragen wir, ob diese auch auch wirklich in das Wulong gehen, wo wir hin wollen.
Aber ja. Sie zeigen mir ein Plakat. Da erkenne ich die wohl bekannteste Aufnahme des Parks und bin zuversichtlich, dass wir an den
richtigen Ort gebracht werden.
Es folgt eine einstündige Anfahrt für gerade mal 32¥ (knapp 4€ für uns beide).
Abkassiert wird natürlich mit AliPay.
Three Natural Bridges
Die Three Natural Bridges liegen im Wulong Karst National Geology Park und gehören seit 2007 zum UNESCO-Weltnaturerbe
South China Karst. Das Besondere an diesem Gebiet sind die drei gewaltigen natürlichen Felsbrücken: Tianlong, Qinglong und Heilong.
Die Steinbrücken wurden über Millionen von Jahren durch die Erosion von Wasser geformt.
Der Höhenunterschied zwischen der Oberkante der Brücken und dem Talboden beträgt je nach Brücke zwischen 223 und 281 Metern.
Aus dem Heli geschaut wirkt die Landschaft weniger wie ein gewöhnliche Canyon sonders vielmehr wie ein riesiger, mehrere hundert Meter tiefer
Einschnitt in die Erde.
Ein etwa 2,5 Kilometer langer Weg führt durch dieses außergewöhnliche Naturensemble, vorbei an steilen Felswänden, Höhlen, Wasserfällen und üppiger Vegetation.
Am Visitorcenter werden wir abgesetzt. Wieder folgen wir einfach den anderen.
Hier kauft man die Tickets. Man könnte sie auch bei diesem neckischen Computer kaufen – wobei „Computer“ eigentlich nicht ganz passt.
Das Ding sieht eher aus wie ein kleiner Roboter und wartet geduldig darauf, dass jemand seinen QR-Code vor ihm scannt.
Wir sind uns allerdings nicht sicher, ob und wie man an diesem futuristischen Ticketautomaten den Seniorenrabatt bekommt. Also gehen wir lieber
auf Nummer sicher und kaufen unsere Tickets ganz normal am Schalter.
Über 60-Jährige zahlen nämlich nichts.
Alles könnte also perfekt sein, wenn wir gewusst hätten, dass unser Ziel auf bis zu 1.300 Höhenmetern liegt und es dort empfindlich kalt werden kann.
Nach dem gerade erst überstandenen grippalen Infekt sind meine Sandalettchen natürlich eher kontraproduktiv. Aber das lässt sich nun mal nicht mehr ändern.
Als wenn das noch nicht reichen würde, beginnt es ausgerechnet bei unserer Ankunft auch noch zu regnen.
Aber wir wären nicht in China, wenn es da keine Lösung geben würde. Noch haben wir uns nicht aus dem bequemen Bus geschält, da stehen schon Verkäufer mit Regenmänteln da. Wir investieren die 1.20€ für die zwei echt guten Mäntel und laufen los.
Zuerst geht’s auf die gläserne Plattform. Jedenfalls haben wir das vor. Doch davor steht eine Aufsicht und meint,
wir bräuchten dafür Tickets. Ja, aber wir haben keine. Schließlich sind wir kostenlos in den Park gekommen.
Und so dauert es ganze eine Weile, bis wir verstehen: Der Eintritt in den Park ist für uns kostenlos, aber für Attraktionen
wie die gläserne Plattform muss extra bezahlt werden. Warum auch immer.
Irgendwie erinnert mich das an eine App mit In-App-Käufen: Der Eintritt ist kostenlos – aber für die interessanten Extras
darf man dann doch noch einmal bezahlen.
Aber gut. ich will ja nicht meckern. Für den Glasboden werden zusätzlich 40 Yuan pro Person – also rund 5 Euro – fällig.


Im Nachhinein muss ich allerdings sagen, so richtig gelohnt hat sich der Spaß nicht. Das mag natürlich auch am Wetter gelegen haben. Aber mal ehrlich...
Abgesehen davon, dass man auf dem Glasboden die Landschaft direkt unter seinen Füßen sieht, gibt es hier keinen wirklich spektakulären Blick,
den man nicht auch auf dem weiteren Weg hätte.
Es ist gut was los. Alle bewegen sich in etwa dem gleichen Tempo.
Mir fällt nichts besseres ein, als das mit einem Klassenausflug mit gefühlt tausend Schülern zu vergleichen. Dennoch würde ich es nicht als voll bezeichnen.
Wir ordnen uns wie immer zwischen zwei Pulks ein und spazieren so entlang an der Abbruchkante.









Stau gibt es bei besonderen Attraktionen.
Die erste ist der gläserne Drehaufzug. Gleich sechs Kabinen sind im Einsatz, sodass alle recht flott nach unten kommen.
Dabei überwindet der Tianlong-Drehaufzug eine Fahrhöhe von rund 115 Metern.
Während der Fahrt dreht sich die Kabine um 360 Grad. So bekommt jeder einmal die Gelegenheit, die gesamte Landschaft auf die dramatische Karstlandschaft
und das üppige Grün zu sehen. Danach folgen weitere Abgänge über unverschämt viele Treppen, bevor wir die Ebene inmitten der enormen Karstfelsen erreichen.
Dieser Bau des hochmodernen Aufzuges, der den älteren ersetzt, begann 2013 und wurde 2022 abgeschlossen, und kostete etwa 100 Millionen CNY,
das etwa 12.5 Millionen Euro sind.

Der Klippenaufzug ist ein großes Highlight in das Herz der Tianlong Sinkhole.


Den restlichen Abstieg bis zur Talebene müssen wir über unverschämt viele Treppen selbst laufen. Das sind mehr als 300 Stufen. Für diejenigen, die diese Treppen nicht hinabsteigen können, stehen schon Träger mit ihren Tragestühlen bereit, auf Chinesisch huá gān genannt. Für kleines Geld kann man sich damit bequem nach unten tragen lassen – während wir uns Stufe für Stufe selbst hinunterarbeiten.

Der Spaziergang hier unten ist schon irre.
Es hat ein ganz besonderes Ambiente.
So mittendrin zwischen diesen gewaltigen, steil aufragenden Felswänden.
Wann läuft man schon einmal durch so eine Landschaft?
Trotz der vielen Besucher fühle ich mich nicht bedrängt. Wir kommen an kleinen Wasserfällen und Wasserlöchern vorbei und bewegen uns durch eine Landschaft, die
wirkt wie eine verlorene Welt mitten im Dschungel.



Tianlong Natural Bridge
Die Tianlong-Brücke, auch „Sky Dragon“ genannt, ist die erste und größte der drei natürlichen Brücken, die die Yangshui River Gorge überspannen.
Dieser gewaltige Koloss erreicht eine Oberkante von rund 235 Metern über dem Talboden und ist bis zu 150 Meter tief. Seine Spannweite beträgt bis zu 75 Meter.
Die gewaltigen Ausmaße erinnern wohl an einen mythischen Drachen, der durch den Himmel schwebt.
Daher auch der Name „Tianlong“, was so viel wie „Himmlischer Drache“ bedeutet.
Besonders außergewöhnlich ist die Form: Die Tianlong-Brücke besitzt als einzige der drei Brücken zwei übereinander liegende natürliche Bögen.
Das Fotografieren eines solchen Kolosses ist allerdings alles andere als einfach. Ich gebe mein Bestes, aber es ist schwierig, das wiederzugeben,
was man mit eigenen Augen sieht. Wie gewaltig die Dimensionen tatsächlich sind, erkennt man eigentlich erst im Vergleich mit den Menschen,
die unten durch die Schlucht laufen.



Trading Post - Tiānfú Guānyì
Es folgt nun das bekannteste Bild des Parks, die sogenannte Trading Post. Die Gebäude, die wir hier und heute sehen, sind eine moderne
Rekonstruktion eines historischen Ortes, der als Filmkulisse für die Dreharbeiten zu Zhang Yimous Film Curse of the Golden Flower 2005 errichtet wurde.
Weil sie aber so herrlich in die Landschaft passt, hat man einen Teil der Kulisse stehen lassen und als touristische Attraktion integriert.
Aber… ganz so neu ist die Geschichte dieses Ortes dann doch nicht. An dieser Stelle befand sich bereits seit 619 n. Chr. eine Poststation
aus der Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.), die der Übermittlung offizieller Nachrichten zwischen Fuzhou und Qianzhou diente. Die ursprüngliche Anlage
wurde irgendwann zerstört. Wie sie damals tatsächlich ausgesehen hat ist unbekannt, denn es gibt keinerlei Bildmaterial aus jener Zeit.
Am besten kann man sie natürlich von einem erhöhten Ort sehen.
Doch genau wie die meisten, stemme ich die ersten 50 oder 70 Stufen, um wenigstens diesen Anblick zu haben.
Weiter bringen mich meine Knie nicht.
Leider.


Aber Rainer macht den weiteren Aufstieg.
Von oben hat er nicht nur einen noch sensationelleren Blick auf die wunderschön anzusehenden schwarzen Dächer der Trading Post,
sondern kann sich dort oben auch noch in einer Art Höhle umsehen. Und hier gibt es eine weitere Besonderheit: einen natürlich geformten Felsen,
in dem ganz deutlich ein Elefant zu erkennen ist. Schon erstaunlich, was die Natur so alles hinbekommt!


天福官驿


Von der oberen Ebene ist außerdem der alte, inzwischen stillgelegte, 80 Meter hohe, gläserne Aufzug zu sehen. Er wurde durch den neuen Tianlong-Drehaufzug ersetzt und ist heute nur noch Relikt an der gewaltigen Felswand.

Übrigens wird die Yangshui River Gorge gern als Shooting Spot genutzt. Einzelne Szenen eines weiteren weltbekannten Films des Transformers: Age of Extinction wurde 2013 hier gedreht.
Qinglong & Heilong Bridge
Der Weg führt uns durch zwei weitere Brücken. Die Dimension kann ich nicht beschreiben. Das muss man sehen oder spüren. Ab und zu tropft es von oben. Manche Quellen drücken sich auch durch die Seitenwände und erzeugen einen feinen Sprühnebel.
Die Qinglong-Brücke – was „Grüne Drachenbrücke“ heisst – ist die zweite der drei natürlichen Brücken. Mit einem Höhenunterschied von rund 281 Metern zwischen ihrer Oberkante und dem Talboden ist sie die höchste der drei Brücken. Ihre gewaltige Öffnung ist 124 Meter breit und 103 Meter hoch. Sie gilt sie als eine der höchsten natürlichen Karstbrücken der Welt.



Bis zur nächsten Brücke führt uns der Weg mitten zwischen immer enger stehenden Felswände. Immer mickriger fühle ich mich als Mensch und immer wieder bleiben wir stehen und staunen vor Ehrfurcht auf dieses Naturwerk.



Die Heilong-Brücke („Schwarze Drachenbrücke“) ist die dritte und zugleich dunkelste der drei natürlichen Brücken.
Ihren Namen verdankt sie den dunklen, fast schwarz wirkenden Felswänden. Dass sie bei miesem Wetter sehr dramatisch wirkt, das können wir bestätigen.
Die Öffnung der Brücke ist rund 116 Meter hoch und etwa 193 Meter breit.




Hier sind wir fast schon am Ende des Trails.
Die Dramatik nimmt kein Ende. Je enger es wird, desto mehr neue Perspektiven tun sich auf.




Eigentlich könnte man hier noch eine ganze Weile weiterlaufen. Aber irgendwann ist auch der schönste Trail zu Ende. Hier wird der Yangshui Rivers breiter.
Es öffnet sich eine ganz andere Szenerie. Dieses unglaublich schöne türkisgrüne Wasser, dichtes Grün und mittendrin dieses kleine, traditionelle Boot.
Solche Boote wurden früher genutzt, um die Wasserwege und abgelegenen Bereiche der Karstlandschaft zu erschließen.
Ein ziemlich perfektes Fotomotiv.


Am Ende des Trails wird es dann aber doch noch haarig.
Haben sich die vielen Besucher auf dem Weg irgendwie verteilt, erwartet uns hier eine sehr sehr lange Schlange, um mit dem Shuttle wieder nach oben zu kommen.
Der Aufstieg per pedes ist keine Option für uns.
Blöd nur, dass es nun auch knapp wird, was den Zug von Wulong nach Chongqing betrifft.
Da hilft nur Vordrängeln.
Ich meine, schlechtes Gewissen hätte ich überall auf dieser Welt. Nicht aber in China. Hier wurde Vordrängeln praktisch erfunden.
Nur so schaffen wir den nächsten Bus bis zum Visitor Center recht schnell. Der aber setzt uns irgendwo ab. Jedenfalls nicht da, wo wir angekommen sind. Also geht’s hurtig den Schildern nach. In der Hoffnung, wir finden einen Bus, der uns zum Bahnhof bringt. Das Ganze stellt sich kompliziert dar. Denn man versteht nicht ganz, wohin wir wollen. Aber wie das immer so ist, irgendjemand checkt, wohin wir wollen. Wir sitzen also im richtigen Bus - doch es geht ewig nicht los 🙄 …und die Zeit läuft…
Dann wird abkassiert. Allerdings nur bar.
What? Wir haben kein Bargeld!
Nun. Ein anderer Passagier bezahlt für uns und er bekommt das Geld per Alipay von uns. Das ist mal Technik die begeistert 🤩
Acht Minuten bis zur Abfahrt des Zuges haben wir noch, als wir Wulongnan endlich erreichen.
Drei weitere Paare aus dem Bus haben offenbar den gleichen Zug gebucht. Dank der übersichtlichen Gestaltung der chinesischen Bahnhöfe
schaffen wir es rechtzeitig auf den Bahnsteig und damit auch den Zug.
Was für ein Erlebnis!


