Seit Jahren schon plagt mich die Flugangst. Ich bekomme sie einfach nicht in den Griff.
Ein Flugangstseminar bei der Lufthansa kam dennoch nie in Betracht. Denn ich steige jährlich
mehrfach in den Flieger. Je weiter desto besser.
Als Ingenieur weiß ich, wie ein Flugzeug funktioniert. Warum es trotz seines Gewichtes fliegen kann.
Die Grundlagen der Thermodynamik sind mir nicht unbekannt.
Hier vom Boden kann ich meine Flugangst kaum verstehen beziehungsweise nachvollziehen.
Ich kann ganz sachlich beschreiben was ich gefühlt habe während einer Angstattacke. Aber
irgendwie bin das dann nicht ich.
Doch das war auch mal anders.
Die treibende Kraft und Ideengeber für unsere Reisen bin ich. Immer wieder buche ich Flüge nach
Asien, Australien und
die USA.
Kein Ziel ist mir weit genug.
Am liebsten mit großen Maschinen und mit wenig Überwasserstrecken.
Unklar oder?
Ganze 318 Flüge habe ich schon absolviert - als Passagier.
Meine Flugstatistik:
1.062.740 Kilometer in etwa 1400Stunden.
98 Interkontinentalflüge.
Das ist etwa die 2,7 fache Strecke zum Mond.
Und dann immer wieder diese - wie ich sie selbst nenne - Aussetzer während starker
Turbulenzen!
Im besten Fall werde ich ganz leise und verkrümele mich in mein Inneres.
Einige wenige Male kommt es aber auch zum Extremfall.
Als Techniker liebe ich Erklärungen und Kontrolle. In diesem Zustand ist allerdings mein
logisches Verständnis ausgeschaltet. Mein Wissen ad acta irgendwo auf der Strecke geblieben.
Ich muss aufstehen während alle Passagiere dringend aufgefordert werden zum Platz zu gehen
um sich anzuschnallen.
Am liebsten würde ich aber aussteigen. Bekannterweise geht das allerdings nicht.
Meine innere Zerrissenheit bringt mich fast zur Verzweiflung. Wie oft habe ich mir in diesen
Situationen schon geschworen, nie wieder Reiseziele auszusuchen, die nur per Flugzeug
erreicht werden können.
Seit 2011 waren wir deshalb nicht mehr auf den Hawai'i Inseln! Der fünfstündige Rückflug
über den Pazifik war ganze fünf Stunden eine Hölle. Da haben selbst viel Rotwein und
angstminimierende Medizin nicht geholfen.
Bricht die Kontrolle auf diese Art und Weise aus, dann habe ich bisher immer
Hilfe vom Flugpersonal bekommen. So überstehe ich auch die Situation.
Wann begann das alles?
Zum ersten Mal bin ich mit 16 Jahren geflogen.
Angst? Nö, wieso soll man Angst haben.
Mit dem Bus oder Auto zu fahren, habe ich doch auch keine Angst.
Auch die folgenden Flüge liefen vollkommen sorgenfrei ab.
Meine Flugangst kam ganz plötzlich, als wir zum ersten Mal mit unseren zwei Kindern
fliegen sollen. Eine Dienstreise. Schon Tage vorher hatte ich trotz
notwendiger Vorbereitungen für den Flug, nur noch Horrorszenarien im Kopf.
Jedes Flugzeug das ich hoch am Himmel sah, bereitete mir Unbehagen.
Ein paar Monate vorher, landete ein Flieger neben der Landebahn.
Weit weg von der Landebahn. Direkt im Wald von Bohnsdorf bei Berlin.
Viele junge Menschen sind ums Leben gekommen.
War das der Auslöser?
Keine Ahnung.
Jedenfalls teile ich die Zeit in diese Phasen ein:
Phase 1 - Flugangst: Die schlimmste Zeit
Das Anfangsstadium meiner Flugangst war am unerträglichsten.
Der letzte Gang zum Flugzeug, in diesem Finger, war wie der Gang zum Schafott.
Voller Anspannung nahm ich meinen Sitz ein.
Natürlich immer am Fenster. Denn schließlich musste ich ja alles kontrollieren.
Obwohl natürlich meine Kompetenz zur "Problem"-lösung (also aller mir merkwürdig erscheinenden
Vorgänge vom Start bis zur Landung) gleich Null waren!
Keiner durfte mich ansprechen.
Beim Start war ich unfähig in Richtung Fenster zu schauen.
Während dem Flug konnte mich nichts ablenken. Kein Buch. Kein Entertainmentprogramm.
Einzig die Ankündigung zur Landung war die erste positive Nachricht.
Und während der Landung?
Festkrallen in den Armstützen - fester Blick aus dem Fenster.
Grauenhaft!
Phase 2 - Flugangst minimieren
Die Belastung namens Flug musste irgendwie in den Griff bekommen werden.
Das
wurde selbst mir klar.
Einer Kundin erzählte ich in der Pause einer Beratung, dass ich an starken
Angstzuständen vor und während eines Fluges leide. Unwissend, dass sie
Neurologin ist und sich mit Angstzuständen sehr gut auskennt.
Die folgenden Flüge mit medikamentöser Unterstützung waren akzeptabel.
Doch die Folgen nach einem Langstreckenflug waren nicht ohne Nebenwirkungen.
Ich war müde und vollkommen geschlaucht.
Während meine Familie gleich nach dem Einchecken im Hotel noch fröhlich in den Pool
sprang, um dem Jetlag ein Schnäppchen zu schlagen, musste ich mich schlafen legen.
Zu groß war meine Müdigkeit.
Das war alles andere als produktiv!
Frank Littek's Buch "Fliegen ohne Angst" war ein erster und so glaube ich konstruktiver
Fortschritt.
Ich las es in drei Stunden aus.
Es schien, als ob der Autor mich vorher interviewt hätte.
Jeder meiner Ängste wurde erwähnt und erklärt.
Den Tipp des Autors, das Buch in DIN A5-Größe auf die nächsten Flüge mitzunehmen
und immer griffbereit zu haben, befolgte ich ganz artig.
Tatsächlich war dies eine erste, große Hilfe.
Phase 3 - Flugangst FAST im Griff haben
Ab nun wurde ich zu einer anderen Passagierin.
Immer noch bin ich nicht angstfrei.
Allerdings kann ich mich ohne Bedenken die Tage vor dem Flug auf den Urlaub
freuen, in Ruhe alles vorbereiten und die Nächte vor dem Flug gut schlafen.
Flugzeuge die unser Haus überfliegen bringen mich Tage vor dem Ereignis absolut nicht aus der Ruhe.
Im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass Fliegen mir eigentlich Spaß macht.
Immer noch sitze ich unbedingt am Fenster und genieße nun aber den Moment des Abhebens.
Den Blick auf den Airport und auf die Stadt, die immer kleiner werden. Der Blick über
das Land größer, weiter und schöner wird.
Die Kurzstrecke
Ja wir wohnen in Berlin und haben immer noch keinen direkten Anschluss an die
große Welt. Verbindungen zu den Hubs sind deshalb notwendig.
Deshalb gehörte es für mich zum Schritt 1 diese kurzen und überschaubaren Flugstrecken
genauestens zu analysieren:
Die furchtbaren Geräusche, die kurz nach dem Abheben zu hören sind, machen mir keine Angst mehr.
Klar. Das Fahrwerk und die Klappen am Flügel werden eingezogen.
Das gefühlte "Stehenbleiben", das man kurzzeitig manchmal sogar körperlich mit einem leichten Druck spürt,
bedeutet nur, dass der volle Schub, den man zum Start benötigt, eingestellt wird.
Meine Sensoren laufen trotzdem auf Hochtouren.
Ich realisiere als immer-noch-Flugangstpassagier wann der Aufstieg beendet ist,
wann der Flieger vermeintlich "gerade" fliegt und wann die Landung eingeleitet wird.
Oft sogar noch vor der entsprechenden Ansage.
Der Flug nach Frankfurt - fast immer unser erster Flug auf dem Weg in den Urlaub - dauert gar nicht so lange wie er in der Buchung ausgewiesen wird. Meist sind es zwischen 43 und 45 erträgliche Minuten. Gerade mal Zeit genug, um ein Getränk zum Anstoßen auf den bevorstehenden Urlaub zu erhalten und diesen auch auszutrinken.
Die Langstrecke
Die Langstrecke ist nach wie vor ein Knackpunkt.
Flüge nach Südostasien sind meist mit einigen Turbulenzen verbunden. Vor allem je näher
wir uns dem Äquator nähern.
Doch sind die Wolkenformationen nirgendwo so schön wie dort.
Schon beim Betrachten bin ich abgelenkt.
Die Flüge gen USA sind für mich dagegen nur toll, wenn ich den freien Blick auf die sich losgelösten und treibenden
Eisschollen in der Nähe von Grönland habe.
Turbulenzen über dem Wasser machen mir immer noch mehr Angst als über dem Festland.
Das ist eben das Irreale und Unerklärliche dieser Flugangst.
Generell kann ich aber nun den Ausblick während dem Flug echt genießen.
Seit vier oder fünf Jahren therapiere ich mich auch damit, dass ich meine
Medikamente nicht vor dem Flug einnehme, sondern nur in Sichtweite platziere.
Nur im absoluten, sogenannten Notfall greife ich zu dieser Lösung.
Auf einen absolvierten Flug ganz ohne Medikamente bin ich extrem stolz!
Doch dann kommen wieder die Zweifel:
Die Statistik ist eindeutig: Fliegen ist die sicherste Fortbewegung.
Und doch fühle ich mich im Auto viel sicherer.
Es ist gewohnt und entspricht meinem Lebensumfeld.
Trotz meinem immer besseren Zustand beim Fliegen gibt es auch bei mir Ausnahmen.
Doch Flugbegleiter sind darauf vorbereitet.
Denn Statistiken zufolge fliegen etwa 60 % der Passagiere mit leichter bis
ausgeprägter Flugangst.
Mir persönlich musste man auf meinen 318 Flügen genau schon zwei Mal helfen.
Wieder einmal ist es der Nachtflug von Singapore nach Frankfurt.
Wieder einmal rumpelt und pumpelt die A380-800.
Und wieder ist meine erste Reaktion: Ich muss hier raus.
Der Purser kommt persönlich und beruhigt mich mit einem frisch gebrühten Tee nebst
Keksen auf feinstem Geschirr, auf dem definitiv nicht die Speisen in unserer Premium Economy Class
serviert werden.
Diese Art und Akzeptanz tut mir gut. Auch als er fast stündlich nach mir sieht und
nach meinem Wohlbefinden fragt.
British Airways setzt mich wiederum infolge einer Angstattacke auf einen Flugbegleitersitz.
Erst informiert mich der Purser genauestens woher gerade diese Turbulenzen kommen.
Anschließend lenkt mich eine Flugbegleiterin gefühlte Stunden mit
Geschichten aus ihrer Welt ab. Wir erzählen uns über Reiseziele und vieles andere mehr.
Ich erfuhr auch, dass ihnen "Flugangst-Patienten" wesentlich
lieber sind, als Besoffskies und Randalierer.
Echt cool fand ich, als die Piloten vor unserer letzten Langstrecke ins
Cockpit geladen haben. Erstaunlicherweise haben dies nur wenige Passagiere genutzt.
Für mich war es eine Erlösung sonderbarer Art.
Beide Piloten haben sich mir vorgestellt und kurz meine Flugangst versucht zu minimieren.
Ich habe sofort Vertrauen gehabt zu den Beiden und habe die zwölf Stunden einen
ganz entspannten Flug gehabt
Es ist so schwer zu erklären, was da im Kopf passiert. Aber es hat mir immer wieder Mut
gemacht zu lesen, dass ich nicht alleine mit diesem Problem bin.
Und auch die Offenbarung dem Flugpersonal gegenüber, hat mir das Gefühl gegeben,
verstanden zu werden.
Denn keine Äußerung ist schlimmer und ignoranter als die Bemerkung:
"Na oben geblieben ist noch keiner"
DAS IST NICHT LUSTIG!
Manchmal fliege ich gern.
Wenn da nicht diese Zweifel am Versagen der Technik oder am Versagen der Pilotenkenntnisse wären.
Mich stört, dass ich nicht sehen kann was "vorn" mit den Geräten passiert.
Doch das soll sich bald ändern...
To be continued...