Beijing
30. April bis 5. Mai ⋅ ☀️ 27 °C
Nun also sind wir in der Hauptstadt angekommen.
Beijing. Einer meiner heimlichen Höhepunkte der Reise.
Beijing kennt man – glaubt man jedenfalls.
Verbotene Stadt, Tian’anmen-Platz, Himmelstempel, Hutongs. All diese Bilder hat man irgendwie schon mal gesehen.
Beijing war übrigens nicht immer die Hauptstadt Chinas.
Kublai Khan, ein Enkel Dschingis Khans und Gründer der Yuan-Dynastie, machte Beijing im 13. Jahrhundert zum politischen Zentrum seines Reiches.
Unter ihm entstand hier Dadu, die mongolische Hauptstadt und Vorläufer des heutigen Beijing. Die nachfolgende Ming-Dynastie verlegte ihre
Hauptstadt zunächst wieder nach Nanjing, bevor Kaiser Yongle 1421 Beijing endgültig zur Hauptstadt machte.
In seiner Regierungszeit entstanden unter anderem die Verbotene Stadt und der Himmelstempel.
Heute leben in Beijing rund 22 Millionen Menschen. Damit ist die chinesische Hauptstadt zwar eine riesige Metropole, aber nicht einmal die größte Stadt des Landes. Diesen Titel überlassen sie Shanghai.
Nach der anderthalbstündigen Fahrt aus Mutianyu sind wir endlich am Ziel.
Die Didi-Fahrt ist heute etwas teurer ausgefallen. Für 83 Euro werden wir dafür ins Zentrum gefahren. Mitten ins Herz. In die Hutongs.
Hier befindet sich unsere Bleibe für die nächsten Nächte.
Der Fahrer muss wieder einmal im Hotel anrufen. Er weiss nicht, wie und wo er uns am besten absetzen kann.
Denn die Hutongs sind nämlich autofrei. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel 😎
Was uns in Beijing erwartet, wissen wir noch nicht so genau. Ganz ehrlich besteht mein Beijing nur aus historischen Gebäuden. Aber schon auf der
Fahrt hierher habe ich gesehen, dass ich ein etwas falsches Bild von Beijing habe. Denn dieser Ort hat Wahnsinnshäuser. Moderne Architektur.
Ausgefallene Architektur. Aber dazu später.
Nur eines wissen wir schon jetzt:
Wir haben uns für unseren Besuch ausgerechnet eine der ungünstigsten Zeiten des ganzen Jahres ausgesucht.
Es ist 30. April. Ein Tag vor den fünftägigen Feiertagen in China.
In China ist das ungefähr so, als würden bei uns Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen und alle beschließen dann auch zu verreisen.
Dementsprechend erwarten wir Menschenmassen. Mit so einer Einstellung sind wir aber - so glaube ich - gut vorbereitet. Mit dieser Einstellung
empfinden wir es nicht so dramatisch. Im Gegenteil. Das wollen wir mal sehen.
Die Hutongs
Die Hutong-Viertel (es gibt nämlich mehrere) gehören zum alten Beijing.
Statt Hochhäuser und breite Straßen finden wir hier ein Gewirr aus schmalen Gassen, niedrigen Häusern und traditionellen Wohnhöfen vor.
Das Wort Hutong bezeichnet übrigens genau diese schmalen Gassen. Sie verlaufen zwischen den sogenannten Siheyuan,
den traditionellen chinesischen Wohnhöfen, bei denen sich mehrere Gebäude um einen gemeinsamen Innenhof gruppieren.



Die ersten Hutongs entstanden während der Yuan-Dynastie im 13. Jahrhundert. Also vor etwas mehr als 700 Jahren. Später prägten sie große Teile des alten Beijing. Hier wurde gewohnt und gearbeitet, in den Gassen wurde eingekauft und in den Innenhöfen spielte sich ein großer Teil des täglichen Lebens ab.
Mit der Modernisierung der Stadt verschwanden allerdings zahlreiche Hutongs und mussten breiten Straßen und Neubauten weichen.
Gegen den Abriss regte sich zunehmend Protest. Und der zeigte Wirkung.
Inzwischen stehen Teile der verbliebenen historischen Viertel unter Schutz. So ist zumindest ein Stück des alten Beijing bis heute erhalten geblieben.
Eins dieser Hutongs wird für die nächsten fünf Nächte unsere Basis sein.
Unser Taxifahrer hat im Hotel unsere Ankunft schon angekündigt.
Wir bleiben in einer Nebenstraße stehen. Kaum angekommen, warten schon zwei Mitarbeiterinnen auf uns und nehmen unser Gepäck entgegen.
Eine Geste, die wir uns so in Pingyao auch gewünscht hätten.
Der Hauseingang ist vollkommen unauffällig. Wir folgen ihnen durch den schmalen etwas dunklen aber blitzsauberen
Gang. Vorbei an einem Restaurant. Einem kleinen, gemütlich wirkenden Ding.
„Hinten“ angekommen, eröffnet sich eine neue Welt. Eine, die man nicht mit einem Mal erfassen kann. Treppen, Gänge und liebevoll gestaltete Ecken.
Und mittendrin die Mitarbeiterinnen, die uns mit diesem herzlichen asiatischen Strahlen begrüßen, das überhaupt nicht aufgesetzt wirkt.


Im großen Aufenthaltsraum bekommen wir erst einmal einen Saft serviert.
Ich bin noch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Umgebung aufzusaugen.
Ob wir etwas essen möchten, werden wir gefragt. Nee - ist denn das Mittag inkludiert?
Unsere Pässe wandern zum Scannen. Das übliche Check-in-Prozedere eben. Man kümmert sich um alles.
Schnell wird noch einmal nachgefragt, ob es tatsächlich bei unserem Wunschtermin für die Verbotene Stadt samt Guide bleiben soll.
Also morgen. Am 1. Mai.
Das verunsichert mich ein wenig und ich frage vorsichtshalber, ob das vielleicht doch etwas ungünstig ist.
Und tatsächlich empfiehlt man, den Besuch lieber auf den 2. Mai zu verschieben.
Ein Tag nach dem großen Feiertag wäre zumindest schon mal besser. Da lassen wir uns doch gern beraten und stimmen dem Wechsel zu.




Dann sollen wir auch schon folgen. Um unser Gepäck müssen wir uns ebenfalls nicht kümmern, das wird aufs Zimmer gebracht.
Unser gebuchtes Zimmer befindet sich in der ersten Etage. Der Aufstieg über eine gerade einmal hüftbreite Wendeltreppe und echt steile Treppe
ist eine Herausforderung. Wir sind einfach nicht mehr dreißig 😉

Das Zimmer selbst ist winzig. Trotzdem unglaublich gemütlich. Es dauert einen Moment, bis wir erfassen, was hier alles untergebracht wurde. Sogar für einen kleinen Zweisitzer ist Platz. Jeder Zentimeter scheint durchdacht und alles hat seinen genau definierten Ort.

Selbst das Bad ist extrem clever gestaltet. Die Dusche hat ein Glasdach und lässt den Blick nach oben frei. Ein Einmeter breiter und sehr tiefer
Schrank im Bad nimmt uns schnell die Sorge wohin mit unseren Belongings. Und für die zwei Koffer findet sich in der Ecke des Zimmers Platz.
Was uns allerdings etwas zum Verhängnis wird ist, dass die Matratzen praktisch auf einer Art Podest liegen.
Das morgendliche Aufstehen ist schon etwas beschwerlich.
Übrigens wurde das kleine Boutique Hotel von einem
Architekten aus Shanghai zu einem zauberhaften Anwesen mit gerade einmal sieben Zimmern umgestaltet.
Das I-Tüpfelchen dieser Unterkunft - jede ist nämlich anders gestaltet - ist die eigene kleine Terrasse. Wunderschön gemacht und mit freiem Blick nach oben bis zum Kosmos. Zwar ist der Durchgang vermutlich nicht einmal anderthalb Meter hoch, aber irgendwie fühlt es sich auch authentisch an. Wir jedenfalls müssen uns bücken um raus zu gehen.



Das ist übrigens der Blick auf unsere Terrasse von der Gemeinschaftsterrasse gegenüber.
Man sieht schon: Viel Platz ist da nicht. Jeder Quadratmeter ist schon sehr gut genutzt.



Am Nachmittag gibt es High Tea. Und zwar jeden Nachmittag.
Hier handelt es sich nicht um die klassische englische Variante mit Scones und Sandwiches.
Nein. Die kleinen Schälchen sind mit frischem Obst, Nüssen und kleinen Süßigkeiten gefüllt. Dazu gibt es je nach Wunsch Tee oder auch ausgezeichneten Cappuccino.
Alles ist so hübsch angerichtet, dass ich natürlich erst einmal fotografieren muss, bevor wir irgendetwas anfassen dürfen. Und natürlich versteht es sich von
selbst, dass wir diesen Nachmittagstee an keinem einzigen Tag verpassen. Allerdings macht man es dem Gast echt einfach.
Denn man kann diese Leckereien von 15 bis 19 Uhr wahrnehmen.

Und ganz egal, wohin ich schaue: Jeder Blick, jede Ecke und jede Perspektive bettelt geradezu darum, fotografiert zu werden. Und so sieht es abends im Innenhof des Boutique Hotels aus:



Nun. Kurz nach drei sind wir bereit, den restlichen Anreisetag maximal zu nutzen.
Es sind wirklich nur etwa zehn Meter bis zur Hauptpromenade. Sie wirkt ein bisschen wie eine Achse durch das Viertel. Geht man auf ihr Richtung Norden
und lässt die übertouristische Meile hinter sich, wird es schlagartig luftiger. Hier sind wesentlich weniger Menschen unterwegs.
Bell Tower & Drum Tower
Unser Ziel sind der Bell Tower und der Drum Tower.
Die beiden Türme stehen sich gegenüber und markieren das nördliche Ende der historischen Nord-Süd-Achse Beijings.
In der Hoffnung, auch drinnen etwas sehenswertes gezeigt zu bekommen, kaufen wir Tickets. Zum vollen Preis.
Die Enttäuschung ist allerdings groß. Denn die Ausstellung im Inneren haut einen nicht vom Hocker. Teilweise wirkt es wie ein Abstellraum.
Die Objekte haben keinen Bezug auf das Gebäude. Ausserdem hat man trotz einer umfangreichen Restaurierung vor einigen Jahren "vergessen" Aufzüge einzubauen.
Die historischen Treppen sind dermaßen steil und die Stufen so hoch, dass ich passe. Passen muss, wenn ich nicht auf allen Vieren nach oben kraxeln will.
Rainer mit seinen Gazellenbeinen besteigt die Türme also alleine.
Der erste Drum Tower entstand bereits 1272 unter Kublai Khan und war so etwas wie die offizielle Uhr der Stadt.
Mit seinen Trommelschlägen wurde den Bewohnern Beijings über Jahrhunderte die Zeit verkündet.
Wie so oft hat's der erste Turm nicht überlebt und so ist der Turm, den wir hier sehen, aus der späteren Ming-Dynastie.


Der gegenüberliegende Bell Tower ist mit rund 48 Metern noch etwas höher.
In seinem Inneren hängt eine gewaltige rund 63 Tonnen schwere Bronzeglocke, mit der früher die Morgenstunden eingeläutet wurden.



Am besten aber gefällt mir der Platz zwischen den beiden Türmen, der Bell and Drum Tower Square.
Auf den Bänken sitzen Einheimische, unterhalten sich oder schauen einfach dem Treiben zu. Besucher können wir dagegen fast an einer Hand abzählen.
Nach dem Gewusel ein paar Straßen weiter fühlt sich das hier fast schon so etwas wie entspannt an.

Mitten auf dem Platz entdecke ich einen Mann, der mit einem übergroßen Pinsel, der an einem langen Stiel befestigt ist, chinesische Schriftzeichen
auf die Gehwegplatten malt. Nur Farbe hat sein Pinsel keine. Er schreibt ausschließlich mit Wasser.
Diese Art der Kalligrafie nennt sich Dìshū – Bodenschrift. Und das Besondere daran ist ihr Ende. Denn kaum ist ein Satz fertig, beginnt er schon
wieder zu verschwinden. Die Sonne trocknet das Wasser und wenige Minuten später ist von der ganzen Kunst nichts mehr zu sehen.
Kunstwerk auf Zeit.
Ich bin nicht die Einzige, die dem Ganzen zusieht. Wahrscheinlich bin ich aber die Einzige, die nicht weiß, was da geschrieben steht.
Das Zusehen strahlt eine enorme Ruhe aus. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Ja, und nun?
Für unseren ersten Nachmittag sind wir ehrlich gesagt ein bisschen planlos.
Also beginnen wir einfach schon heute mit der Erkundung des modernen Beijing. Eine kleine Liste mit interessanter Architektur
habe ich schon auf der Fahrt nach Beijing vorbereitet.
Unser erstes Ziel soll das CCTV-Gebäude sein.
Doch den heutigen Vor-Feiertags-Feierabendverkehr haben wir so ziemlich unterschätzt. Erst warten wir fast zwanzig Minuten auf unseren Didi und
anschließend brauchen wir eine geschlagene Stunde bis zum Ziel.
Nein. Noch nervt uns das nicht. Im Gegenteil.
Central Business District
Die Taxifahrt bringt uns ins Central Business District von Beijing, kurz CBD.
Direkt aus dem langsam fahrenden Auto lässt sich gut gucken und fotografieren.
So können wir ganz in Ruhe etwas von Beijing sehen. Von dem Beijing, von dem es im Netz erstaunlich wenige Fotos gibt. Wohnviertel, breite Straßen,
Bürohäuser. Eben die ganz normale Stadt abseits der großen Sehenswürdigkeiten.




Das ist die Bank of China. Ein ziemlich imposantes Gebäude. Zwei massive Gebäudeflügel rahmen eine riesige Öffnung ein und machen den Bau zwischen all den gläsernen Hochhäusern zu einem echten Hingucker.

Nun sind wir Berliner und Großstadt-Liebhaber. Und wir kennen natürlich auch die weniger schönen Seiten großer Städte – Berlin eingeschlossen.
Aber was uns nun auch in Beijing auffällt, ist, wie unglaublich sauber diese riesige Stadt ist. Die Grünflächen sind gepflegt, am Straßenrand liegt
nichts herum und auch auf den Gehwegen sieht man kaum Müll.
Und wir reden hier immerhin von einer Metropole mit rund 22 Millionen Einwohnern.
Da stellt sich einem als Berliner zwangsläufig die Frage: Warum kriegen wir das eigentlich nicht so hin?
Alles was wir jetzt schon gesehen haben, haben wir von Beijing so nicht erwartet. Die Stadt ist wesentlich moderner, als ich sie im Kopf hatte.
Denn während das Netz voll ist mit Bildern der modernen Architektur Shanghais, wird Beijing irgendwie fast immer auf seine historischen Bauten reduziert.
Verbotene Stadt, Tempel, Hutongs – fertig.
Das CCTV-Gebäude war eigentlich das einzige moderne Bauwerk Beijings, das ich vorher kannte.
Die lange Fahrt ist wie eine Stadtführung.
Als wir das Ziel erreicht haben, ist die Sonne leider schon untergegangen. Jetzt steht auch fest, dass wir heute wohl kein zweites Ziel mehr ansteuern werden.
Es zeitlich auch gar nicht schaffen.
Also gehts als erstes fix zu diesem außergewöhnlichen Bau des CCTV Headquarters.
CCTV Headquarters
Das CCTV Headquarters ist gigantisch. Und es steht nicht so frei, wie ich es mir nach all den vorab gesehenen Fotos vorgestellt habe.
Es ist auch gar nicht so einfach, es fotografisch als Gesamtbild festzuhalten. Da steht nämlich eine Hochstraße im Weg. Also müssen wir fast gegenüber stehen.
Dann aber wirkt es ein wenig verzerrt.
Nicht zu ändern. Es bleibt beeindruckend.
Dafür wird einem aus der Nähe erst bewusst, welche Dimensionen dieses eigenwillige Gebäude tatsächlich hat.
Entworfen wurde es vom Architekturbüro OMA um Rem Koolhaas und Ole Scheeren.
Statt eines klassischen Wolkenkratzers entstanden zwei geneigte Türme, die oben und unten miteinander verbunden sind und so eine gewaltige dreidimensionale
Schleife bilden.
Das CCTV beherbergt - wie der Name schon verrät - praktisch eine komplette Fernsehstadt unter einem Dach. Redaktionen und Verwaltung, Nachrichtenproduktion, Fernsehstudios, Sende- und Produktionstechnik und andere Einrichtungen. Rund 10.000 Menschen haben hier ihren Arbeitsplatz.
Die reinen Zahlen zur Dimension lesen sich gewaltig:
Der Komplex umfasst eine Fläche von 473.000 Quadratmetern.
Allein die große Eingangshalle ist etwa 10.000 Quadratmeter groß und eines der Fernsehstudios ist rund 2.000 Quadratmeter.
Das Bauwerk ist 234 Meter hoch und architektonisch tatsächlich etwas Besonderes
2013 wurde das CCTV Headquarters nämlich zum „Best Tall Building Worldwide“ ausgezeichnet.

Ja - also der Blick von der gegenüber liegenden Straßenseite ist nicht so prickelnd.
Aber es wäre nicht ich - der Planer - wenn ich nicht schon die KI bemüht hätte, uns noch einen besseren Viewpoint zum Fotografieren dieses Monstrums
herauszusuchen. Der befindet sich in der World Mall in der 6.Etage. Genauer gesagt im Blue Frog Restaurant. Da gibt es diese Terrasse, von wo vermutlich
alle Bilder entstehen.
Als wir ankommen, sind nicht einmal hundert Leute auf der Terrasse. Für chinesische Verhältnisse muss es noch ein Geheimtipp sein.
Wir können ganz bequem fotografieren.




Übrigens erweist sich die Terrasse generell als super Fotopoint.
Das CCTV Headquarters ist zugegeben schon sehr dominant. Aber dreht man sich einfach mal um, gibt es noch jede Menge weitere moderne Architektur zu entdecken.
Rund um die East Third Ring Road und die Guanghua Road reiht sich ein Bürohochhaus ans nächste. Ein Bild das mit dem historischen Beijing,
das man normalerweise auf Fotos sieht, so gar nicht viel gemein hat.


Je länger wir hier oben stehen, desto mehr gibt es zu entdecken. Glasfassaden spiegeln das letzte Tageslicht und zwischen all den Hochhäusern
sieht man in der Ferne sogar den China Zun. Mit 528 Metern ist er das höchste Gebäude Beijings.
Seinen Namen verdankt der Wolkenkratzer seiner ungewöhnlichen Form.
„Zun“ bezeichnet ein altes chinesisches Ritualgefäß aus der Bronzezeit, das den Architekten als Vorbild diente.
Deshalb wird der Turm zur Mitte hin schmaler und öffnet sich nach oben wieder.


Wieder einmal ein prima Beispiel dafür, dass Reisen bildet: Beijing kann nicht nur Kaiserpaläste, Tempel und Hutongs.
Die moderne Seite der Stadt gefällt uns schon mal ausgesprochen gut.
Mittlerweile sind die Aufnahmen im Kasten und da wäre es schön, auch gleich hier zu essen.
Eigentlich würden wir gern draußen bleiben, aber die Wartezeit auf einen freien Tisch ist uns zu lang. Also begnügen wir uns mit Plätzen im Inneren.
Es gibt für uns ein echtes Festmenü.
Nach all den Nudeln, Dumplings und chinesischen Speisen der letzten Wochen muss es wieder westlich sein. Rainer bekommt herrlichen Lachs auf Salat
und ich einen Wagyu-Burger mit einem richtig dicken, wunderbar saftigen Patty 😋

Genug gesehen, genug erlebt. Und das alles schon am Anreisetag.
Für heute ist unsere Festplatte im Hirn jedenfalls voll.
Ein Didi bringt uns zurück in unser kleines Boutique-Hotel mitten in den Hutongs. Für weitere Unternehmungen ist heute wirklich keine Energie mehr übrig.
Wir fallen nur noch ins Bett.
Beijing by bike
1. Mai.
In Deutschland heisst's für uns meist arbeitsfrei.
In China bedeutet es vor allem Urlaub, Ausflüge und jede Menge Menschen, die sich durch's Land bewegen.
Denn hier ist der Tag der Arbeit nicht einfach nur ein einzelner freier Tag. Rund um den 1. Mai gibt es mehrere zusammenhängende Feiertage.
Und die nutzen Millionen Chinesen zum Reisen. 2026 sind es gleich fünf freie Tage vom 1. bis zum 5. Mai.
Bleibt also die Frage: What’s up in Beijing am 1. Mai?
Irgendwie hatte ich im Kopf, früher Bilder von Militärparaden in den Nachrichten gesehen zu haben. Aus Moskau und Peking.
Das einmal live zu erleben, klang ziemlich cool. Aber offenbar sind diese Erinnerungen Jahrzehnte alt. In Peking gibt es aber Militärparaden nur im Oktober.
Und das auch nur alle zehn Jahre.
Was ich im Netz für den 1. Mai in Beijing finde, ist ernüchternd: kein Feuerwerk, keine Drohnenshow. Dafür irgendwo eine Pfingstrosen-Ausstellung.
Wie spannend 🥱
Voll soll es auf den Straßen Beijings sein - das haben wir nun schon allzu oft hören müssen.
Deshalb machen wir 'mal was anderes. Statt stundenlang im verstautem Beijing im Taxi zu sitzen, wollen wir das Ganze mit dem Fahrrad sehen.
Leihräder gibt es in chinesischen Städten genug. Ausgeliehen haben wir bisher allerdings noch nie eines bekommen. Verzweifelt scheitern wir immer
an der fehlenden chinesischen ID.
Da kommt „Alice“ ins Spiel, die gute Seele des Hauses. Wir schildern ihr unser Problem. Und abgesehen davon, dass sie es kennt, bietet
sie sofort an, mit uns rauszugehen und für uns welche auszuleihen. Eine Stunde kostet 2,50 ¥, also etwa 30 Cent. Ein Schnäppchen also.
Chinesen können drei Räder gleichzeitig ausleihen. Wie praktisch!
Die Räder bleiben dann so lange aktiv, bis wir sie längere Zeit nicht mehr bewegen, sagt sie.
Was „längere Zeit“ allerdings genau bedeutet, vergessen wir zu fragen.
Wir vereinbaren, dass sie die Endsumme am Ende des Tages per Alipay zurückbekommt. Und dann düsen wir schon überglücklich mit dieser Lösung, ab.


Wir wohnen nur wenig nördlich vom Areal der Verbotenen Stadt. Das ist also auch unser erstes anvisiertes Ziel.
Unterwegs ist schon schwer was los. Aber Beijing hat hier und da auch Fahrradspuren, auf denen wir erstaunlich gut vorankommen.
Die nördliche Flanke der Verbotenen Stadt mit ihrem Wassergraben, der die gesamte Palastanlage umgibt, ist das Erste, was wir zu Gesicht bekommen.
Dahinter erhebt sich einer der vier markanten Ecktürme der Verbotenen Stadt, die seit Jahrhunderten an den vier Ecken der Palastmauer stehen.
Das Wetter ist nicht perfekt. Dafür ist es windfrei und das Wasser ist fast spiegelglatt. Es sieht fast märchenhaft aus.
Trauerweiden säumen das Ufer und der Eckturm spiegelt sich darin.
Ein ziemlich perfekter erster Blick auf eines der berühmtesten Bauwerke Chinas.



Beijing ist eigentlich recht übersichtlich aufgebaut, also radeln wir Richtung Tiananmen-Platz, dem Platz des himmlischen Friedens.
Die Straßen sind schon gut voll. Als ehemalige Ossis würden wir sagen: Voll wie zur Maidemonstration. Passt ja irgendwie.
Trotzdem kommen wir gut voran. Verkehrsregeln für Fahrrad- und Mopedfahrer wirken hier eher wie freundliche Empfehlungen.
Es läuft eigentlich super. Bis zwischen Kaiserpalast und Tiananmen plötzlich Schluss ist.
Alles auf Rädern ist verboten. Nur noch Fußgänger.
Erst denken wir noch, wir seien besonders clever und finden einen Schleichweg. Natürlich finden wir keinen.
Gerade als wir aufgeben und die Räder abstellen wollen, um zu Fuß weiter zu gehen, sprechen uns vier junge, englischsprachige Kerle an:
Ob wir eine Reservierung für den Platz hätten, fragen sie.
Reservierung? Nö.
Braucht man die? Ja.
Na super. Damit ist dieser Plan auch gestorben. Und damit geben wir unsere Räder nicht ab.
Puh. Da haben wir nochmals Glück gehabt.
Was also jetzt?
Ich habe ja bei A-Map noch ein paar Sternchen gesetzt, bei den es schön wäre, wenn wir diese während des Aufenthaltes aufsuchen können.
Und wenn wir die Fahrräder schon einmal haben, können wir die schließlich auch abarbeiten. 😉
Diese Entscheidung erweist sich schon eine Straße weiter als Volltreffer.
Abseits vom Feiertagstrubel ist Beijing ziemlich leer. Und so fahren wir einfach drauflos.
Kreuz und quer, immer dorthin, wo uns gerade etwas interessant vorkommt. Dass wir uns dabei verirren könnten, macht uns überhaupt keine Sorgen. Wie auch?
In Zeiten moderner Technik findet man schließlich immer irgendwie zurück. Wir erkunden irgendwelche Höfe und Wohngebiete, fahren vorbei an Parks und
kleinen Läden und treten immer wieder spontan auf die Bremse, wenn ein Gebäude unsere Aufmerksamkeit erregt.

Fahrradfahren in den Megacitys dieser Welt ist genau unser Ding!
Man ist einfach herrlich unabhängig. Weder muss man einem Taxifahrer erklären, wohin man will, noch muss man sich Gedanken über einen Parkplatz machen.
Und wenn unterwegs irgendetwas interessant aussieht, hält man eben einfach an.
Für uns gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, eine riesige Stadt zu erkunden. Vor allem, weil man dabei ganz automatisch in Ecken landet,
die man mit Taxi oder U-Bahn wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen hätte.
Der Wechsel der Gebäude gefällt uns. Eben noch sind wir am The Peninsula vorbeigefahren, kurz darauf zwischen Wohnblocks voller verglaster Balkone und Klimaanlagen. Dann wieder taucht irgendwo ein traditionelles chinesisches Dach zwischen modernen Fassaden auf oder wir landen vor einem riesigen Einkaufszentrum.

Und das Beste daran: Wir sehen heute jede Menge von dem Beijing, das in keinem Reiseführer groß erwähnt wird.
Kein Kaiserpalast, kein Tempel, kein touristisches Must-see. Einfach Stadt.
Das Galaxy SOHO stammt von Zaha Hadid und besteht aus vier rundlichen Baukörpern, die durch Brücken und fließende
Übergänge miteinander verbunden sind. Keine Ecken, keine harten Kanten. Stattdessen Kurven, wohin man schaut.
Ausgerechnet der traditionelle chinesische Innenhof soll dabei als Inspiration gedient haben. Nur eben einmal ins 21. Jahrhundert gebeamt.

Natürlich arbeiten wir nebenbei trotzdem meine Sternchen ab. 😉
Vorbei geht es am Workers’ Stadium, dem großen Fußballstadion im Stadtbezirk Chaoyang. Es ist die Heimspielstätte von Beijing Guoan
und wurde 2023 nach umfassender Modernisierung wiedereröffnet.

Dieses Haus ist keines, das ich anvisiert habe. Es sieht schon ziemlich cool aus. Abgesehen von der Farbgestaltung thront auf diesem modernem Glasturm ein riesiges chinesisches Dach.

Bis hierher waren es 17 gefahrene Kilometer. Und zwar mit einem Bio-Bike. Also ohne zusätzliche Unterstützung. Hier aber ist nun Schluss.
Wir werden für den Rückweg einen Didi bestellen.
Vorher aber wollen wir bei HARMAY kurz vorbeischauen.
Wobei „kurz“ bei HARMAY reinschauen, bekanntlich ein dehnbarer Begriff ist. Die chinesische Beauty-Kette kennen wir inzwischen aus Chongqing.
Sie sind so ganz anders als die üblichen Hochglanz-Kosmetiktempel. Sie haben alle einen speziellen Lagerhaus-Look. Metallregale, Edelstahl, Glasbausteine
und jede Menge Produkte, die teilweise tatsächlich wie Lagerware präsentiert werden. Das ist aber gewollt. HARMAY hat seinen Ursprung ja im Onlinehandel
und holt mit seinen Läden das Warenlager gewissermaßen auf die Verkaufsfläche. Dies hier ist übrigens ein Flagship-Store, was 2019 eröffnet hat.

Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es zurück zum Afternoon Tea in unserem Hotel.
Und nach den vielen Kilometern auf dem Fahrrad tut so ein schöner Cappuccino gerade richtig gut. Dazu stehen wieder all die kleinen
Schälchen mit Nüssen und Obst, Mini-Küchlein und anderen Leckereien auf dem Tisch. Hach, das ist schon sehr angenehm.
Wir ruhen uns noch ein bisschen aus und genießen die Ruhe unseres kleinen Hotels. Denn draußen wartet schließlich noch das Beijing am 1. Mai auf uns.

Unser Ziel für heute Abend ist allerdings weder besonders chinesisch noch besonders spektakulär.
Es geht zu Yoshinoya. Das ist unser geliebtes japanisches Schnellrestaurant, das wir von unseren Reisen durch Japan kennen.
Und sobald wir irgendwo eine Filiale entdecken, essen wir dort eine Beef Bowl.
So geht es weiter
Das war Teil 1.
Ab morgen widmen wir uns dann dem historischen Beijing – und davon gibt es bekanntlich eine ganze Menge.

