Forbidden City - Der Kaiserpalast
Am folgenden Tag haben wir kurz nach Mittag eine Verabredung mit „Martin“, einem deutschsprachigen Guide, der uns die Forbidden City zeigen wird. So wird der einstige Kaiserpalast auf Englisch genannt.
Wir treffen ihn an der Rezeption und sein erster kritischer Blick gilt Rainers Mini-Rucksack und meiner
Tasche in Größe meines Handys.
„Das kostet mindestens eine halbe Stunde Schlangestehen“, sagt er.
Wir sollen alles, was wir mitnehmen wollen, am Mann tragen.
Gesagt – getan.
Die Tickets hat das Hotel bereits für uns vorgestern reserviert.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen:
Vorgestern - nicht etwa vor einem halben Jahr oder vor Wochen.
Nein vorgestern. Und das für ein weltweit bekanntes Objekt.
Das ist uns an China so sympathisch. Es ist keine Planung schon so weit im Voraus notwendig. Kein Festlegen. Kein Zeitfenster.
Am Eingang müssen wir die Tickets nur noch mit dem Pass in der Hand abholen.
Als Senioren zahlen wir die Hälfte – also 60 ¥ für uns beide. Gerade einmal etwa 7,50 €.
Und dann geht es hinein in eine Anlage, die mehr als 500 Jahre lang das politische Zentrum Chinas war.
Von 1420 bis 1912 residierten hier die Kaiser der Ming- und Qing-Dynastien. Fast 500 Jahre lang war der Zutritt streng geregelt.
Hier bekamen ausschließlich der Kaiser, seine Familie, seine Hofbeamten und ausgewählte Besucher Zugang.
Anfangs bin ich noch nicht wirklich überzeugt, ob sich diese ziemlich kostenintensive Investition in einen Guide überhaupt lohnt.
Aber Martin macht das super. Seine Erklärungen sind kurz und knackig und vor allem erzählt er uns genau so viel, dass wir
verstehen, was wir da eigentlich vor uns haben, ohne uns mit Jahreszahlen und Kaisernamen zu erschlagen.
Und zu erzählen gäbe es hier wahrlich genug.
Die Verbotene Stadt ist nämlich riesig. Auf rund 72 Hektar verteilen sich unzählige Paläste,
Hallen, Höfe und Gärten. Mehr als 8.000 Räume soll die gesamte Anlage besitzen.
Der Besucherandrang ist gar nicht so dramatisch, wie wir befürchtet haben.
Alles verteilt sich erstaunlich gut. Auch wenn es vielleicht am Eingang etwas voll aussieht.
Die tägliche Besucherzahl ist inzwischen auf 40.000 begrenzt. Vor der Pandemie durften laut Martin doppelt so viele Besucher
hier rein. Das ist ein Beschluss des Kulturministers.
Wir finden es eigentlich prima. Er als Guide kritisiert dagegen diese Begrenzung. Mit dieser Besucherbeschränkung
gehen natürlich auch Aufträge verloren. Viele Guides finden keinen Job mehr.
Und dann stehen wir endlich mittendrin.
Jo. Ich muss sagen... es ist schon ein Wahnsinn, wie komfortiös die Kaiser und ihre Gefolgschaft hier residiert haben.
Unwillkürlich muss ich an den Film „Der letzte Kaiser“ denken. Den habe ich vor etwa dreißig Jahren gesehen. Aber der war so beeindruckend,
dass mir bestimmte Bilder aus dem Film sehr bekannt vorkommen.
Und natürlich drängt sich auch ein ganz anderer Vergleich auf. Denn keine zwei Kilometer von hier entfernt liegen die engen Hutongs, in denen wir wohnen.
Wir als Besucher finden das natürlich toll. Wir tauchen für ein paar Tage in dieses alte Beijing ein und können uns ein bisschen
vorstellen, wie das Leben hier früher einmal ausgesehen haben mag. Aber an gleicher Stelle haben einst ganze Familien auf ziemlich engem Raum zusammengelebt.
Und wenn man dann sieht, welchen unglaublichen Platz sich die Kaiserfamilie hier gegönnt hat... na ja.



Gleich die ersten Höfe vermitteln ganz gut, in welchen Dimensionen hier gebaut wurde.
Rote Mauern, gelbe Dächer und gewaltige Hallen ziehen sich entlang einer schnurgeraden Nord-Süd-Achse durch die gesamte Anlage.
Rot und Gelb wiederholt sich immer wieder. Was neu für uns ist, beide Farben haben eine enorm wichtige Bedeutung.
So steht Rot traditionell für Glück, Wohlstand, Lebenskraft und Schutz. Deshalb sind Tore, Säulen, Türen und viele Holzkonstruktionen
der Verbotenen Stadt rot gestrichen. Rot sollte außerdem Unheil und böse Einflüsse fernhalten.
Gelb dagegen war immer mit dem Kaiser und seiner Herrschaft verbunden.
Deshalb gibt es hier überall gelb glasierte Dachziegel. Gelb galt als kaiserliche Farbe und war bei bestimmten Kleidungsstücken und Ausstattungen
dem Kaiserhaus vorbehalten. Eine interessante Ausnahme sind einige Gebäude mit andersfarbigen Dächern, deren Farben sich aus
ihrer jeweiligen Funktion erklären.
Je wichtiger ein Gebäude und seine Funktion, desto prominenter seine Lage, desto größer die Halle und desto aufwendiger
ihre Ausstattung. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen.

Überall führen breite Treppen und Rampen aus weißem Marmor auf die erhöhten Terrassen.
Dazu kommen unzählige Balustraden, geschnitzte Drachen und diese unglaublich faszinierend schönen verzierten Dächer. Der Reichtum ist unglaublich.
Irgendwann fehlen mir geeignete Adjektive, um das zu beschreiben!


Das absolute Herzstück des äußeren Palastes sind die drei großen Hallen der Harmonie.
Die bedeutendste von ihnen ist die Halle der Höchsten Harmonie – Taihe Dian.
Man beachte dabei den Zusatz "höchste" Harmonie. Gibt es noch andere, fragen wir. Ja die folgen später.
Hier, im Taihe Dian fanden die wichtigsten Staatszeremonien statt. So etwas wie Thronbesteigungen, kaiserliche Hochzeiten und große Feierlichkeiten.
Sie ist zugleich die größte Halle der gesamten Verbotenen Stadt.


Zwischendurch gibt es jede Menge Details zu entdecken.
Überall stehen riesige Bronzekessel, Räuchergefäße, Schildkröten, Fabelwesen und natürlich immer wieder Löwen.
Und wie wir von Martin erfahren, hat hier so ziemlich alles irgendeine Bedeutung.
Die Löwen zum Beispiel stehen traditionell paarweise vor wichtigen Toren und Hallen und symbolisieren Schutz und Macht.
Martin erklärt uns auch, wie man die beiden auseinanderhält:
Der männliche Löwe hat immer eine Kugel unter seiner Pranke und steht für die Macht des Kaisers.
Beim weiblichen Löwen liegt dagegen immer ein Jungtier unter der Pranke. Sie symbolisiert die Kaiserin und den Fortbestand der kaiserlichen Familie.

Martin macht uns auf die kleinen Figuren auf den Dächern aufmerksam.
Das hat mich schon immer interessiert. Man sieht sie ja überall in Asien. Manchmal sind es nur ein paar, manchmal sitzt dort oben eine ganze Parade.
In China heißen sie (jǐshòu), was so viel wie „Dachfirsttiere“ bedeutet.
Es handelt sich überwiegend um mythische Tiere und Fabelwesen. Die Reihe beginnt mit einer Figur auf einem Reittier, dahinter folgen unter
anderem Drache, Phönix und Löwe. Den Abschluss bildet eine größere Wächterfigur.
Ihre Anzahl verrät etwas über den Rang des Gebäudes. Je bedeutender eine Halle, desto mehr dieser kleinen Wächter durfte sie auf dem Dach tragen.
Die Halle der Höchsten Harmonie ist dabei der absolute Spitzenreiter. Auf ihrem Dach sitzen zehn dieser Tiere.
Mehr als auf jedem anderen Gebäude der Verbotenen Stadt.

Mir fällt es schwer all die Namen zu behalten. Das war aber auch nicht meine Intension.
Aber es ist einfach viel. Viel zu viel. Vernünftig wäre es wahrscheinlich hier mehrere Tage hintereinander zu kommen, um wirklich den Palast zu begreifen.
Kaum dass man sich umdreht, steht eine neue Halle. Oder ein neuer Palast. Deshalb bleiben manche Paläste unfotografiert.
Einige Paläste fotografiere ich nur noch mit den Augen.




Und dann wären da natürlich noch die anderen Hingucker im Palast. Die unzähligen hübschen Chinesinnen in historischen Gewändern.
Was wir hier allerdings schon etwas vermissen, sind professionelle Fotoshootings. Vermutlich ist dies verboten. Egal ob Selfie oder
gegenseitiges Fotografieren, hier heisst die Devise "Selbst ist die Frau".
Sie wollen sich möglichst perfekt in Szene setzen.
Vielleicht tue ich ihnen unrecht. Aber von dem, was ich beobachten kann, unterstelle ihnen jetzt einfach mal, dass der Palast selbst eher eine Nebenrolle spielt.
Viel wichtiger scheint das perfekte Foto vor einem der bedeutendsten Gebäude Chinas zu sein.
Kaum ist das Bild im Kasten, wird kontrolliert. Passt die Pose? Sitzt die Frisur? Ist das Kleid richtig drapiert?
Und wahrscheinlich landet das Ergebnis kurz darauf schon bei der Freundesgemeinde.
Diese Perücken und all die Kleidung... das muss doch irgendwie auch ein Opfer sein. Ich meine, unter so einem Vogelnest auf dem Kopf muss es ordentlich warm werden und die vielen Stofflagen sind ja nun auch nicht gerade federleicht.
Aber was soll's. Für uns sind sie jedenfalls wunderschöne Fotomotive.

Die Forbidden City gliedert sich zudem in einen äußeren und einen inneren Hof.
Während der äußere Hof für Zeremonien und Staatsgeschäfte genutzt wurde, befanden sich im inneren Hof die privaten Wohnbereiche der Kaiserfamilie.
Je weiter wir nach Norden kommen, desto mehr verändert sich deshalb die Funktion der Gebäude.
Hinter den großen Zeremonialhallen beginnt der innere Palast.
Also jener Teil der Verbotenen Stadt, in dem das Leben der Kaiserfamilie stattfand.

Langsam lassen wir die riesigen Zeremonialhöfe hinter uns und es wird ein bisschen weniger monumental groß oder weitläufig. Die Häuser stehen deutlich enger zusammen.
Wir erreichen den Palast der Himmlischen Reinheit – Qianqing Gong.
Während die großen Hallen im Süden vor allem der Repräsentation und den Staatszeremonien dienten, beginnt hier der Bereich,
der stärker mit dem privaten Leben des Kaiserhofes verbunden war.



Martin führt uns nicht nur über die große Hauptachse, sondern auch in einen Bereich der Palastanlage, der erst seit Kurzem wieder zugänglich ist. Offenbar kennen längst nicht alle Guides diesen Teil. Und so ist es hier auffallend ruhig. So können wir ohne anzustehen oder zu drängeln direkt an die Fensterscheiben treten und reinschauen.



Fast sind wir am Ende unserer Besichtigung angekommen, zieht plötzlich ein Unwetter auf.
Der Wind ist ordentlich frischt und kurz darauf fängt es an zu nieseln. Aber ehrlich gesagt sind wir
inzwischen ohnehin ziemlich gesättigt. An Palästen, Kaisern und vor allem an Informationen.
Meine anfänglichen Zweifel sind längst verflogen. Die Entscheidung, einen Guide zu buchen, war goldrichtig. Wir haben so vieles erfahren. Viele kleine Informationen über die Geschichte, die Gebäude - aber eben nie zu viel. Und es gab auch massig Gelegenheit, Martin über das alltägliche, das heutige Leben eines Chinesen auszufragen. Dafür sind wir dankbar.

Wir verlassen die Verbotene Stadt durch den nördlichen Ausgang. Praktisch genau dort, wo wir sie gestern zum ersten Mal gesehen haben.
Auch heute gibt es hier wieder weiträumige Absperrungen. Wahrscheinlich wegen der besonders vielen Besucher während der Maifeiertage.
Jetzt einen Didi zu bestellen, macht überhaupt keinen Sinn. Wir müssten erst einmal ziemlich weit laufen, um überhaupt zu einer Stelle zu kommen,
an der uns einer abholen könnte. Aber kein Grund zum Ärgern. Hier gibt es einen wunderbar organisierten Shuttleverkehr, der die
Besuchermassen aus dem Umkreis der Verbotene Stadt rausbringt.
Und Martin, dessen Dienst für heute eigentlich längst erledigt ist, kümmert sich sogar noch darum, dass wir im richtigen Bus landen.
Das ist nämlich gar nicht so einfach, wenn man weder weiß, welcher Bus wohin fährt, noch die chinesischen Beschriftungen lesen kann.
Ein Stück fährt er sogar noch mit uns mit und zeigt uns, wo wir am besten aussteigen.
Den Rest des Weges finden wir allein.
Am Abend zieht es uns noch einmal raus. Wenn wir schon in Beijing sind, wollen wir natürlich auch irgendetwas mit Pekingente essen.
Auf das große Programm mit einer ganzen Ente und allem Drum und Dran haben wir allerdings keine Lust.
Also gibt es Pekingente als Wrap.
Knusprige Ente, Gemüse und Sauce, alles zusammengerollt und auf die Hand.
Nicht schlecht. Und für heute genau die richtige Menge an Pekingente. 😉

Auf dem weiteren Rückweg werden wir dann doch noch schwach, als wir einen herrlichen Backshop namens Bread Town entdecken.
Die Auswahl ist riesig. Jedenfalls ist es nicht gerade einfach sich zu entscheiden. Am Ende nimmt Rainer ein kleines Törtchen mit jeder Menge
frischer Beeren und ich entscheide mich für ein Tiramisu in der Dose.
Hab ich schon geschrieben, dass China guten Kuchen kann?
Beides sieht nicht nur verdammt gut aus, sondern schmeckt auch so.

Es ist kurz nach 21 Uhr, als wir mit unserem Kuchen unser Hotel erreichen.
Unvorstellbar... zu dieser späten Stunde bereitet man mir noch einen Cappuccino zu. Wie nett ist das denn bitte?
Man stelle sich das einmal bei uns vor. Wahrscheinlich würde man uns erklären, dass die Maschine
bereits gereinigt sei, es zu spät wäre und jetzt nichts mehr gemacht werde.
In China dagegen kennt Service keine Uhrzeit. Und der Gast steht immer im Mittelpunkt.
Ein ziemlich perfekter Abschluss für diesen Tag. 😉
Tag 3 in Beijing
Am dritten Tag in Beijing steht der Sommerpalast auf dem Plan.
Gerade als wir los wollen, gibt es plötzlich Starkregen nebst Gewitter. Das volle Programm eben. Uns bleibt eben nichts weiter übrig als zu warten.
Eine ganze Stunde dauert der Spuk. Aber als es vorbei ist, ist die Luft viel klarer als vorher
und der Himmel ist strahlend blau. Perfektes Fotowetter also.
Wie immer bringt uns Didi zum Ziel.
Auch dieses Areal rund um den Sommerpalast ist weiträumig abgesperrt.
Da bleibt uns locker noch ein Kilometer bis zum Eingang, den wir laufen müssen.
Schon unterwegs wird uns klar: Hier sind wir definitiv nicht allein.
Aber erst hinter dem Eingang, also da, wo es enger wird, wird's gruselig. Was hier los ist, übertrifft meine kühnsten Vorstellungen.
Wenn ich jetzt schreiben würde, dass man einfach die Beine einziehen könnte und von der Masse getragen werden würde, wäre das ein wenig
übertrieben. Aber es ist nahe dran.
Das Schöne in China: Trotz dieser Enge habe ich keine Angst um meine Belongings. Ich weiß, dass mir
keiner in die Tasche greift und etwas entwendet. Das ist schon mal echt entspannend.
Und auch gedrängelt wird hier nicht. Die Masse schiebt sich einfach kontinuierlich nach vorn.

Sommerpalast
Der Sommerpalast liegt rund 15 Kilometer nordwestlich des Zentrums von Beijing und war einst Rückzugsort der kaiserlichen Familie. Angelegt wurde er ab 1750 unter Kaiser Qianlong als Garten der Klaren Wellen.
Allzu lange blieb die kaiserliche Idylle allerdings nicht unversehrt. 1860 wurde die Anlage während des Zweiten Opiumkriegs von britischen und französischen Truppen weitgehend zerstört. Ab 1886 ließ man sie wieder aufbauen und zwei Jahre später erhielt sie ihren heutigen Namen Yiheyuan – Sommerpalast.
Martin hat uns gestern schon einiges von Cixi erzählt und uns einen Besuch des Sommerpalastes unbedingt ans Herz gelegt.
Kaiserinwitwe Cixi nutzte den Sommerpalast ausgiebig als Rückzugsort und ließ große Teile der Anlage wiederherstellen.
Besonders pikant aber ist: Für den Wiederaufbau hat sie unter anderem Gelder verwendet, die eigentlich für die chinesische Marine vorgesehen waren.
Seit 1998 gehört der Sommerpalast zum UNESCO-Welterbe und gilt als eine der am besten erhaltenen kaiserlichen Gartenanlagen Chinas.
Wir beginnen mit dem berühmten Long Corridor, auf Chinesisch Cháng Láng.
Es ist ein über 700 Meter langer überdachter Wandelgang, der aus 273 Abschnitten besteht und von 548 Säulen getragen wird. Auf der einen Seite
verläuft er entlang des Kunming Lakes, auf der anderen befindet man sich direkt am Fuß des Longevity Hills.
Wie große Teile des Sommerpalastes wurde auch der Korridor 1860 während des Zweiten Opiumkriegs zerstört und später wieder aufgebaut.
Toll sollen vor allem die unzähligen Malereien sein. Und ich schreibe mit Absicht „sollen sein“, denn bei diesen Menschenmassen sehe ich davon
herzlich wenig. Schließlich muss ich mit der Masse ziehen und Stehenbleiben und die Malereien bewundern ist einfach nicht drin. Glücklicherweise
ist Rainer groß. Wenn er dann auch noch den Arm nach oben streckt, kann ich es mir wenigstens auf dem Foto in Ruhe anschauen.


Glücklicherweise auch - gibt es ab und zu einen Treppenabgang und wir können uns ab und zu aus diesem nicht enden wollenden Menschenzug ausklinken. So kriege ich zwischendurch sogar das eine oder andere Foto ohne Menschenmassen vor die Linse.
Hier zum Beispiel die farbenprächtigen Holzkonstruktionen im ehemaligen Wohnbereich der kaiserlichen Familie.
Stellenweise kann es sogar richtig idyllisch sein. Ein weiteres Beispiel am kleinen Teich mit Seerosen, Felsen und geschwungenen Steinbrücken.
Cixi hatte Geschmack. 😉



Schon von weitem ist der Tower of Buddhist Incense zu sehen.
Der rund 41 Meter hohe, achteckige Turm thront auf dem Longevity Hill und ist so etwas wie das Wahrzeichen
des Sommerpalastes. Kaiserinwitwe Cixi kam regelmäßig hierher, um zu beten und Weihrauch zu verbrennen.
Zugegeben bin ich bei dieser Überfüllung etwas unglücklich und würde am liebsten wieder zurück gehen. Beschließe aber den Aufstieg auf diesen Turm doch noch mitzunehmen. Danach soll aber Schluß sein.

Und natürlich begegnen uns auch hier wieder die kleinen jǐshòu, die Dachfirsttiere, die uns Martin gestern in der Verbotenen Stadt erklärt hat. Jetzt, wo wir wissen, was es damit auf sich hat, schauen wir natürlich viel genauer hin. 😉


Irgendwann erreichen wir die Hall of Dispelling Clouds, wo übrigens Cixi ihre Geburtstagsfeiern ausrichtete.
Der Bau liegt direkt auf der großen Mittelachse des Longevity Hill und bildet gewissermaßen das Eingangstor zum Aufstieg zum Tower of Buddhist Incense.


Natürlich liegt das Ding nicht unten am See.
Also geht es hinauf.
Auf dem recht beschwerlichen Treppenaufstieg wird man recht gut mit schönen Ausblicken belohnt. Da kann man nicht meckern. Und bei dem Wetterchen haben wir zusätzlich einen ungemeinen Weitblick.



Bei knapp 300 Hektar sollte man meinen, dass sich die Menschenmassen irgendwann verteilen.
Tun sie aber nicht. Es bleibt das, was Chinesen vermutlich als „gut besucht“ bezeichnen. 😉
Dennoch kämpfen wir uns weiter bis zum Longevity Hill.

Aber der Aufstieg lohnt sich. Von hier oben haben wir einen fantastischen Blick über die Dächer der Palastanlage und den riesigen Kunming-See.
Mit rund 300 Hektar ist die Anlage riesig. Allerdings nimmt der Kunming Lake ungefähr drei Viertel der gesamten Fläche ein. Der See und der Longevity Hill bilden das Herzstück des Sommerpalastes. Bei der Gestaltung orientierte man sich übrigens unter anderem am berühmten Westsee von Hangzhou. Den werden wir aber erst in ein paar Tagen sehen.


Von hier oben haben wir auch einen Blick auf die Sea of Wisdom Hall (Zhihui Hai), die ganz oben auf dem Longevity Hill steht.
Sie wird auch Beamless Hall genannt. Der Grund dafür ist sein Aufbau. Der kommt nämlich ohne tragende Holzbalken und Säulen aus
und ist vollständig aus Ziegeln und Steinen gebaut. Das, obwohl sie wie ein traditioneller chinesischer Holzbau aussieht.
Diese buddhistische Halle stammt aus der Zeit Kaiser Qianlongs. In ihrem Inneren wird Amitabha Buddha verehrt und ihre Außenwände sind mit sage
und schreibe 1.110 kleinen glasierten Buddhafiguren geschmückt.
Leider sehen wir keine Möglichkeit, dort hinaufzukommen.
Hätte man dafür jetzt auch wieder Martin anheuern müssen? 😉
Also bleibt es bei diesem einen Foto von unten.

Schick haben sie es sich früher schon gemacht.
Das nenne ich mal einen Sommerpalast. Nicht einfach ein Palast, sondern eine riesige künstlich gestaltete Landschaft aus See, Hügeln, Tempeln,
Pavillons, Brücken und Gärten.


Im Tower of Buddhist Incense steht außerdem eine beeindruckende mehrarmige buddhistische Statue. Der Turm bildet den weithin sichtbaren Mittelpunkt der Anlage und steht auf der zentralen Achse des Longevity Hill.

Ja und irgendwann reicht es mir. Nicht an Tempeln oder schönen Aussichten – sondern an Menschen.
Rainer ist da hartnäckiger. Er macht sich noch auf den Weg zum berühmten Marmorboot am Ufer des Kunming-Sees. Ich verzichte dankend.
Ich nehme nur das Bild. 😎


Hier noch mal Schnappschüsse am Uferbereich. Diese große Runde um den See, die eigentlich fest geplant war, schenken wir uns. Einfach zu voll. Jedenfalls für mich. Andere Chinareisende haben mir gesagt, es sei in China nicht voll, wenn man noch den Boden sehen kann. Ok. War also doch nicht voll.




Nach dreieinhalb Stunden verlassen wir den Sommerpalast und lassen uns mit Didi zum Beijing Olympic Park bringen.
Unterwegs begegnet uns wieder das völlig andere Beijing. Das Supermoderne.
Ein Hingucker ist diese futuristische „Flunder“ am Straßenrand. Das ist das Zhongguancun International Innovation Center.
Es ist ein neuer Bau und wurde erst 2024 fertiggestellt. Ich beobachte die Fahrt auf A-Map und bedaure, dass wir in China die Drohne nicht einsetzen können.
Von oben sieht dieser Bau nämlich noch futuristischer aus. Es wirkt, als müsste er sich ganz flach machen oder halb in die Erde kriechen.
Ich lese später, dass wegen der Nähe zu den historischen Gartenanlagen nur etwa zwölf Meter hoch gebaut werden durfte. Also ging man in die Breite.
Schon ziemlich schick, diese Flunder.

Beim Bestellen des Taxis haben wir den Zielpunkt in der Didi-App nicht ganz perfekt getroffen.
Deshalb werden wir am Rand des Areals abgesetzt.
Das ist aber nicht wirklich tragisch. Denn auch auf dem Spazierweg zum eigentlichen Ziel gibt es weitere ziemlich beeindruckende Bauten.
Da wäre zum Beispiel das kastige Digital Beijing Building. Es ist fast fensterlos und wirkt ein bisschen wie ein riesiger Computerbaustein.
Es entstand für die Olympischen Spiele 2008 und diente damals als eines der technischen Informationszentren.

Water Cube
Aber das, weswegen wir eigentlich hier sind, liegt noch ein Stück weiter vor uns.
Es ist der Water Cube, das Nationale Schwimmzentrum der Olympischen Spiele 2008.
Mit 31 Metern Höhe und einer Seitenlänge von 177 Metern ist dieser „Cube“ ganz schön monströs. Vor allem aber sieht seine Fassade sensationell aus.
Die blauen Flächen wirken wie riesige Seifenblasen und bestehen nicht etwa aus Glas, sondern aus luftgefüllten Kunststoffkissen.
Auch nach dem Ende der Olympischen Spiele ist es ein Schwimmbad geblieben. Allerdings wurde das Angebot etwas erweitert. Heute gibt es hier auch einen riesigen Indoor-Wasserpark mit Wellenbad und mehr als 20 Rutschen.
Für die Olympischen Winterspiele 2022 wurde ein Teil der Schwimmhalle sogar zur Curling-Arena umgebaut.
Aus dem Water Cube wurde kurzerhand der Ice Cube.

Bird’s Nest
And last but not least steht das letzte Objekt der Begierde direkt gegenüber. Es ist das Bird’s Nest, das eigentliche Olympiastadion.
Mit seinem scheinbar völlig chaotischen Geflecht aus Stahlträgern sieht es tatsächlich aus wie ein gigantisches Nest.
2008 fanden hier neben der spektakulären Eröffnungs- und Schlussfeier die Leichtathletikwettbewerbe und das Fußballfinale statt.
Heute wird das Stadion vor allem für große Sportveranstaltungen, Shows und Konzerte genutzt.
2022 durfte es noch einmal bei Olympia zum Einsatz kommen. Hier fanden nämlich die Eröffnungs- und Schlussfeiern der Winterspiele statt.

Nach all den roten Säulen, geschwungenen Dächern und kaiserlichen Pavillons und schließlich den beeindruckenden Gebäuden
der Moderne fahren wir erst einmal nach Hause.
Für heute haben wir genug gesehen.
Zum Dinner dann gönnen wir uns noch einen Burger. Dafür ziehen wir tatsächlich noch einmal los. Ziel ist wieder ein "Blue Frog Restaurant". Diesmal allerdings eine andere Filiale ganz in unserer Nähe.
Nach diesem langen Tag freuen wir uns einfach auf einen entspannten Abend und etwas Vertrautes auf dem Teller. 😉
Tag 4 in Beijing
Am letzten Tag lassen wir uns die Ohren säubern. Ear Picking nennt sich das hier. Auf Chinesisch cǎi ěr.
Dieser Prozedur haben wir ja schon in Chengdu zugesehen. Damals haben wir uns noch nicht getraut. Heute sind wir mutiger.
Ear Picking hat in China eine lange Tradition und ist besonders in Sichuan verbreitet. Dabei geht es nicht nur darum, Ohrenschmalz zu
entfernen. Mit kleinen Löffelchen, Pinseln und anderen Werkzeugen wird im Ohr herumgewerkelt und das Ganze soll gleichzeitig der Entspannung dienen.
Ob das nun wirklich gesund ist, sei dahingestellt. Medizinisch notwendig wahrscheinlich auch nicht. Aber es ist eine interessante Erfahrung.
Ob wir jetzt besser hören?
Ich behaupte mal für mich: Meine Ohren fühlen sich tatsächlich irgendwie offener an.

Danach gehen wir noch einmal in der Nanluoguxiang spazieren.
Es ist die Flanierstraße unseres Hutong-Viertels. Wahrscheinlich ist sie nur nachts leergefegt. Ansonsten erleben wir sie tagtäglich so voll.
Vor ein paar Tagen habe ich hier ein kleines Kleidchen entdeckt. Ein Mitbringsel für unsere Enkelin. Es ist aus einem dieser typischen blau-weißen Stoffe gefertigt, für die die Bai, eine ethnische Minderheit Yunnans, bekannt sind. Die Muster entstehen durch eine alte Färbetechnik, die sich Zhā Rǎn nennt. Dabei werden Teile des Stoffes vor dem Färben abgebunden, sodass dort keine Farbe eindringen kann.
Und tatsächlich finden wir trotz der unzähligen unterschiedlichen Geschäfte den Laden wieder.


Es ist kurz nach Mittag, als wir zu allerletzten Attraktion aufbrechen. Zum
Temple of Heaven.
Temple of Heaven - Himmelspalast
Wie nicht anders zu erwarten, sind wir auch hier nicht allein. Aber es ist wesentlich angenehmer als gestern im Sommerpalast. Im Grunde genommen will ich vor allem das markanteste Gebäude der Anlage sehen. Das mit dem herrlich symmetrischen Aufbau. Und das ist es auch, wo wir zu allererst hin marschieren.
Der Name dieser Pagode ist Hall of Prayer for Good Harvests, also Halle des Erntegebets. Um ganz ehrlich zu sein, habe ich immer gedacht, dass dies der Himmelspalast ist. Nun. Da habe ich wieder etwas dazu gelernt.
Was mich wirklich vom ersten Moment an beeindruckt, ist diese unglaublich klare Erscheinung des Gebäudes.
Ich meine... das Wetter heute ist natürlich auch perfekt. Aber diese runde Form, die drei übereinanderliegenden blauen Dächer und die strenge
Symmetrie – das alles sieht schon genial aus. Nicht umsonst ist die Halle eines der Wahrzeichen Beijings.
Kennt man die Bilder aus dem Netz, weiß man natürlich auch ziemlich genau, wie das perfekte Foto aussehen soll.
In der Realität ist das allerdings gar nicht so einfach. Und ein Bild ganz ohne Menschen ist hier eh illusorisch.


Die Halle wurde ursprünglich 1420 während der Ming-Dynastie errichtet. Hier betete der Kaiser jedes Jahr für eine gute Ernte. Das heutige Gebäude stammt allerdings aus dem Jahr 1890. Der Vorgänger war ein Jahr zuvor nach einem Blitzeinschlag abgebrannt.
Den Altar im Inneren sehen zu wollen, gebe ich allerdings ziemlich schnell auf.
„Halb Indien“ drängelt und schubst hier mit vollem Körpereinsatz.
Nee, das brauche ich dann doch nicht.
Hier der Beweis: Wir waren auch da 😎

Interessant ist, dass um die gesamte Anlage eine kilometerlange doppelte Mauer verläuft. Nur hat sie im nördlichen Teil einen runden Verlauf. Im Süden dagegen viereckig. Aus der Vogelperspektive sieht es wie eine langgezogene Kuppel aus. Der Grund ist die chinesische Vorstellung, dass der Himmel rund und die Erde eckig ist.
Von der oberen Terrasse des Tempels sieht man das mächtige Gate of Prayer for Good Harvests.
Es bildet den südlichen Zugang zum Altarbereich der Hall of Prayer for Good Harvests und liegt direkt auf der großen Nord-Süd-Achse des Himmelstempels.
Wahrscheinlich sollte man von hier zum Tempel gehen. Na gut. Wir haben es anders gemacht.
Durch dieses Tor ging einst der Kaiser zu den Zeremonien, bei denen er den Himmel um gutes Wetter und eine reiche Ernte bat.

Die Anlage ist übrigens etwa 270 Hektar groß und damit größer als die derForbidden City selbst.
Wir spazieren nun noch weiter gen Süden über die Danbi Bridge.
Wobei es eigentlich keine wirkliche Brücke ist. Es ist ein etwa 360 Meter langer erhöhter Steg.
Früher war natürlich alles genauestens geregelt, wer wo laufen durfte. Der mittlere Weg war symbolisch dem Himmel vorbehalten, rechts und links davon
verliefen die Wege für den Kaiser und die hohen Würdenträger. Und weil der gesamte Weg nach Norden leicht ansteigt, sollte er gleichzeitig den Aufstieg
von der Erde in Richtung Himmel symbolisieren.


Am südlichen Ende der Danbi Bridge erreichen wir das Imperial Vault of Heaven. Das kreisrunde Gebäude erinnert ein wenig an eine Miniaturausgabe der Hall of Prayer for Good Harvests. Es stammt ursprünglich aus dem Jahr 1530 und erhielt 1752 seine heutige Form.
Hier wurden einst die heiligen Tafeln der Himmelsgottheiten aufbewahrt, die der Kaiser für seine Opferzeremonien benötigte. Umgeben ist der gesamte Hof von der berühmten Echo Wall – einer kreisrunden Mauer mit erstaunlichen akustischen Eigenschaften.
Der eigentliche Himmelspalast ist dann eher ein „ganz netter“ Anblick verglichen zum Gebäude der Halle des Erntegebets.

Von der Rückseite wirkt das Imperial Vault of Heaven ganz anders.
Hier befinden wir uns an einem der Durchgänge der berühmten Echo Wall, die den kreisförmigen den Hof umschließt. Ihre glatte, gebogene Oberfläche
leitet Schallwellen entlang der Mauer weiter. So kann man sich unter günstigen Bedingungen selbst über größere Entfernung hören.

Über einen langen Spazierweg geht es langsam in Richtung Ausgang.
Die Anlage ist wirklich schön begrünt und abseits der großen Tempelbauten verteilen sich die vielen Menschen.
Natürlich begegnen uns auch hier wieder jede Menge Chinesinnen in ihren historischen Gewändern. Und das ist definitiv nicht nur etwas für Erwachsene.
Auch die kleinen Mädchen werden herausgeputzt. Mit aufwendigen Frisuren, Haarschmuck und prächtigen Kleidern stehen sie den Großen jedenfalls in nichts nach.


Und bei so viel Historie ist das moderne China nicht weit. Das Handy. Ohne dem geht hier gar nichts.

Bevor wir Beijing verlassen, habe ich allerdings noch eine kleine Bitte an Alice, die gute Seele unseres Hotels.
Auf den Tischen stehen überall diese kleinen Aschenbecher, die mir vom ersten Tag an gefallen haben. Mit ihrem roten Dach sehen sie aus wie kleine
chinesische Pavillons. So einen hätte ich zu gern als Andenken an Beijing.
Also frage ich Alice, ob sie mir vielleicht sagen kann, wo man so ein Teil kaufen kann. Natürlich ist sie sofort dabei und will sich darum kümmern.
Dann fällt ihr allerdings ein, dass im Lager des Hotels noch welche stehen. Ob ich nicht einfach einen davon haben möchte?
Ähm... ja! Natürlich möchte ich. 😉
Für 50 Yuan, also etwa 6.50 €, bekomme ich mein Exemplar fein säuberlich verpackt in einer kleinen Schachtel überreicht.
Et voilà. Das ist es.
Mein bestes Andenken an Beijing.

Das war also unser Beijing.
In viereinhalb Tagen haben wir viel gesehen. Natürlich noch lange nicht alles.
Wäre Beijing unsere erste Station auf dieser Reise gewesen, wäre ich mit dem Gesehenen vielleicht ein bisschen unzufrieden.
Dafür gäbe es hier einfach noch viel zu viel zu entdecken.
Aber nach sieben Wochen kreuz und quer durch China hat Beijing für uns einen anderen Stellenwert. Es ist nicht mehr das große Ziel,
sondern vielmehr eine Ergänzung zu all den Eindrücken, die wir in den vergangenen Wochen gesammelt haben.
Und dafür waren diese viereinhalb Tage genau richtig.
Tschö Beijing!

So geht es weiter
Unser nächster Tag wird noch einmal ein kleines Abenteuer.
Es steht ein Flug an.
Geflogen sind wir in China ja schon einmal. Wir wissen also ungefähr, wie das funktioniert, und erwarten eigentlich einen ziemlich normalen Reisetag.
Eigentlich.
Denn schon beim Check-in in Beijing stellen wir fest, dass hier einiges anders läuft, als bei unserem bisherigen Flug. Und spätestens bei der Sicherheitskontrolle wird klar: Das wird heute wohl doch nicht ganz so unkompliziert wie gedacht.

