Hangzhou
9. bis 11. Mai ⋅ ⛅ 24 °C
In Hangzhou, bei uns zu Hause eine eher unbekannte Millionenmetropole, machen wir
zum vorletzten Mal Halt. Wir befinden uns nun etwa 170 Kilometer südwestlich von Shanghai.
Hangzhou war im 10. Jahrhundert Hauptstadt des Königreichs Wuyue.
Von 1138 bis 1276 nannte sich die Stadt Lin’an und war sogar Hauptstadt der Südlichen Song-Dynastie. Damals schon gehörte sie zu den größten und
wohlhabendsten Städten der Welt.
Selbst Marco Polo war hier und schwärmte von der Schönheit und dem Reichtum der Stadt.
Heute ist die Stadt ein bedeutender Technologie- und Innovationsstandort mit Schwerpunkten in E-Commerce, Cloud Computing und Künstlicher Intelligenz.
Unternehmen wie der Internetgigant Alibaba haben hier ihren Hauptsitz. Das zieht natürlich viele Arbeitskräfte an und sorgt für einen rasanten
Bevölkerungszuwachs.
Inzwischen leben hier nämlich rund 12,5 Millionen Menschen.
Nun. Zum Arbeiten kommen wir nicht hierher. Uns interessiert vor allem der berühmte West Lake, der seit 2011 zum UNESCO-Welterbe gehört.
Der gehört zur Hauptattraktion der Stadt. Seine Bedeutung wurde sogar dadurch gewürdigt, dass die drei kleinen Steinpagoden von Three Pools
Mirroring the Moon auf der Rückseite der 1-Yuan-Note abgebildet sind.
Schon bei unserer Ankunft gestern war ich vom eleganten Ambiente der Lobby begeistert.
Die Einrichtung ist wunderschön und wirkt ausgesprochen edel, ohne dabei überladen zu sein.
Das Azure Hotel der Luxury Collection gehört mit einer Zimmerrate von 150 Euro zwar zu den teureren Hotels unserer China-Reise, doch dafür ist ein
hervorragendes Frühstück bereits inklusive. In der westlichen Welt hätten wir uns ein Hotel dieses Niveaus zu den dort
üblichen Preisen vermutlich nicht gegönnt.
Hier ist dieser Luxus für uns noch bezahlbar.





Und luxuriös ist nicht nur die Lobby. Unser Zimmer ist riesig und begeistert uns vom ersten Moment an.
Eine komplette Wand besteht aus Fenstern, das Bad ist mit allem ausgestattet, was man sich wünschen kann, und es gibt sogar ein separates Ankleidezimmer.
Nach dem Check-in warten bereits kleine Aufmerksamkeiten auf uns. In einer gläsernen Vitrine stehen Kuchen und frisches Obst bereit, am Bett liegen hübsche
Duftsäckchen.
Es sind diese kleinen Details, mit denen man mich beglücken kann.

Auch der Service ist außergewöhnlich aufmerksam.
Der Eingangsbereich zum Frühstücksrestaurant in der 22. Etage ist so schön. Das muss ich einfach fotografieren.

Auch hier spricht das Personal ein einwandfreies Englisch.
Und normalerweise mögen wir es beide nicht, wenn man uns kennt und womöglich mit dem Familiennamen anspricht. Wir wohnen ja deshalb in einer Großstadt
anstatt in einem Dorf.
Aber was wir gut finden, ist diese unaufdringliche Perfektion der Hospitality.
Schon am nächsten Morgen weiss man am Eingang, dass wir gern am Fenster sitzen. Schnell wird ein Tisch fertig gemacht und wir werden platziert.
Aber das ist nicht alles. Sie wissen auch, welche Getränke wir am Vortag bestellt haben. Wir werden also nur gefragt,
ob es die gleichen wie gestern sein sollen. Wow!
So etwas habe ich noch nie erlebt. Nicht einmal in unserem absoluten Favoriten, im Peninsula Bangkok.
Und nein, wir sind nicht die einzigen Gäste.
Das Büffet ist riesig. Während Rainer sein westliches Frühstück bekommt, schwebe ich schon wieder im Nudelsuppen-Himmel.

Das gesamte Büffet zu fotografieren, war mir unangenehm.
Aber die Kinderabteilung musste ich dann doch festhalten. Da möchte man doch glatt wieder Kind sein.
Und das ist der Poolbereich.
Klar, dass man hier nur mit Badekappe baden kann und natürlich besitzen wir immer noch keine. 😆

So viel Luxus tut zwischendurch richtig gut. Hier könnte ich problemlos länger bleiben.
Unser Zimmer punktet nicht nur mit viel Platz, sondern auch mit einem fantastischen Ausblick über Hangzhou. Vorn befindet sich der Wangjiang Park am Qiantang River. Dahinter ist die moderne Skyline der Stadt.


Das große flache Gebäude mit der weißen, blütenartigen Fassade auf der gegenüberliegenden Flussseite gehört zum Hangzhou Olympic Sports Center. Wegen seiner 55 stilisierten Blütenblätter wird es auch „Big Lotus“ genannt. Das Stadion fasst rund 80.000 Zuschauer und war ein zentraler Austragungsort der Asienspiele 2023.


Es ist Sonntag. Nach dem herrlichen Frühstück wollen wir uns auf den Weg Richtung West Lake machen.
Der Hotelportier weist uns darauf hin, dass Didis uns an einen stark besuchten Ort nicht bringen werden.
Wir sollten lieber auf ein Taxi setzen. Für den gelten andere Regeln.
Aha. Man lernt ja nie aus.
Aber als der Taxifahrer dann da ist, bekommt er vom Bellboy zusätzliche Anweisungen.
Den letzten knappen Kilometer müssen wir aber dann noch zu Fuß laufen.
Leifeng Pagode
Unser erster Anlaufpunkt ist die Leifeng Pagode, die auf einem kleinen Hügel direkt am Ufer steht.
Der Eintritt für uns beide kostet 40 ¥, was 5€ entspricht.


Ursprünglich wurde die Pagode 975 n. Chr. während der Wuyue-Dynastie erbaut.
Nachdem sie eh schon im Laufe der letzten tausend Jahre in einem vernachlässigten Zustand war, wurden Ziegelsteine
einfach für den Eigenbedarf entwendet. 1934 kollaborierte die Pagode dann endgültig.
1999 wurde ein Nachbau beschlossen.

Und 2001 war das neue 61.9 Meter hohe, fünfstöckige und sehr schön anzusehende Prachtstück fertig.
Der Vorteil bei Neubauten liegt klar auf der Hand: Es gibt Rolltreppen und Aufzüge. So bleiben nur noch endlich viele Stufen übrig.

Im fünften und obersten Stockwerk der Leifeng-Pagode stehen wir dann unter dieser wunderschön gestalteten goldenen Kuppel.
In der Mitte befindet sich eine große Lotusblüte. Sie steht im Buddhismus für Reinheit.
Die zahlreichen kleinen Nischen enthalten insgesamt 2.002 vergoldete Miniaturpagoden.
2002 ist das Jahr, in dem die heutige Leifeng-Pagode eröffnet wurde.
Da fragt man sich schon, wer sich so etwas ausdenkt. Und vor allem, wer all die kleinen Pagoden gezählt hat. Und ob überhaupt gezählt wurde. 🥴

West Lake
Der West Lake, auf Chinesisch Xihu, ist das berühmteste Wahrzeichen von Hangzhou.
Auf drei Seiten wird er von bewaldeten Hügeln umgeben, auf der vierten liegt die Stadt. Dazwischen verteilen sich Pagoden, Tempel, Pavillons, Gärten,
Dämme und kleine Inseln. Vieles davon wurde über Jahrhunderte bewusst angelegt, um Natur und Architektur zu einem harmonischen Gesamtbild zu verbinden.
Interessant ist, dass diese Landschaft sogar die Gartenkunst in anderen Teilen Chinas sowie in Japan und Korea prägte.
Seit 2011 gehört die Kulturlandschaft des West Lakes zum UNESCO-Welterbe.
Draußen, in der obersten Etage, führt ein umlaufender Balkon rund um die Pagode. Von hier oben haben wir den wohl besten Blick über den gesamten West Lake. Bei der klaren Luft ist die Aussicht einfach fantastisch.




Im Anschluss spazieren wir durch die Parkanlage.
Hatte ich schon geschrieben? Es ist Sonntag. Und wir sind in China. Beides zusammen klingt nach sehr vielen Besuchern. Wie auch immer es hier gelöst ist - das
fühlt sich nicht ein bisschen so voll an, wie das im Sommerpalast war. Im Gegenteil. Hier am See erleben wir ein völlig entspanntes Ambiente


Lesser Yingzhou Isle & Three Pools Mirroring the Moon
Als nächstes geht’s mit Böötchen zur Insel Xiaoyingzhou, auf Englisch Lesser Yingzhou Isle. Aber weil die Hauptattraktion Three Pools Mirroring the Moon eng mit Xiaoyingzhou verbunden ist, wird oft die gesamte Insel danach benannt.
Allein die Fahrt zur Insel ist klasse. Auch unser Boot ist ein Hingucker.
Bis auf den letzten Platz belegt ist es allerdings nur drinnen.
Das Außendeck haben wir ganz für uns allein. Viele Chinesen meiden die Sonne und würden sich niemals freiwillig hier draußen hinsetzen. Gut für uns.
Wir dagegen genießen den frischen, aber angenehm warmen Wind und haben einen fantastischen Blick auf das Ufer und die vielen unterschiedlichen Boote,
die auf dem West Lake unterwegs sind.


Für den poetischen Namen Three Pools Mirroring the Moon dieser Insel gibt es eine schöne Geschichte.
Um 1090 ließ der Dichter und damalige Gouverneur Su Shi den West Lake ausbaggern.
Die Pagoden markierten einen Bereich, in dem keine Wasserpflanzen angebaut werden durften, damit der See nicht erneut verlandet.
Später wurden aus den Markierungen Kunstwerke. Jede der rund zwei Meter hohen Pagoden besitzt fünf runde Öffnungen. Zum Mittherbstfest stellte man Kerzen
hinein und verschloss die Öffnungen mit dünnem Papier. Das Licht spiegelte sich im dunklen Wasser und sah aus wie viele kleine Monde. Gemeinsam mit dem
echten Vollmond entstand so das berühmte Bild der „Drei Teiche, die den Mond spiegeln“.
Heute gehören die Pagoden zu den bekanntesten Motiven Chinas. Sie sind sogar auf der Rückseite des 1-Yuan-Scheins abgebildet.

Das sind die drei kleinen Steinpagoden - leider aus der Ferne - der berühmten Szenerie Three Pools Mirroring the Moon.
Die Namensgeber sozusagen.
Zwei stehen links im Bild, die dritte etwas weiter entfernt auf der rechten Seite.
Bei Tageslicht wirken die Pagoden eher nichtssagend.

Auch die Anlegestation ist stilistisch perfekt angepasst:

Für den sich spiegelnden Mond sind wir ja offensichtlich zu früh da, dennoch hat der Spaziergang etwas entspannendes.
Im Potsdams Sans Souci heisst es "lustwandeln". Und diese kleine Insel ist wie geschaffen zum Lustwandeln.


Wir beobachten Koi‘s und Entenfamilien… und erfreuen uns auch an den verschiedenartigsten Farben der Seerosen.






Jetzt, beim Versuch diese niedlichen Entenfamilien zu fotografieren, ist praktisch die Grenze meines iPhones erreicht. Ein richtiger Fotoapparat wäre jetzt das Passendere.


Die Insel verlassen wir auf der gegenüberliegenden Seite und nehmen das nächste Boot zum Hubin-Anleger am östlichen Ufer. Just for the record: Für die beiden Bootsfahrten zahlen wir zusammen 120 ¥, also etwa 15 Euro.

Hier ist es mit der beschaulichen Ruhe vorbei. Hier empfängt uns nun das wuselige, moderne Hangzhou.
Es beginnt mit einem Straßenmarkt der Tonnen verschiedenster Andenken anbietet. Es ist nicht immer Kitschiges. Vielmehr wird hier interessante Handwerkskunst
angeboten. Für uns ist eh nichts dabei. Unsere Koffer sind schon proppevoll.
Die Stadt selbst macht einen ausgesprochen modernen und jungen Eindruck.
Sauber ist es hier sowieso. Also ganz nach unserem Geschmack.
Auch auf der nächsten Promenade tobt der Bär. Sonntag-Shopping eben.
Wir schlendern an einer Shopping Mall nach der anderen vorbei. Doch so richtig spannend finden wir das alles nicht.
Seit wir das Boot verlassen haben, entstehen gerade einmal fünf Fotos. Das kann nur ein Zeichen dafür sein, dass wir mit diesem Ort fertig sind.
Das heißt natürlich nicht, dass Hangzhou nichts mehr zu bieten hätte. Das liegt jetzt an uns. Bei uns macht sich nämlich nach all den Eindrücken der
vergangenen Wochen einfach mal eine gewisse Reisesättigung breit.

Viel mehr passiert heute nicht mehr.
Selbst zum Essen gehen können wir uns am Abend nicht mehr aufraffen.
Also bestellen wir einfach über das Hotelmenü aufs Zimmer. Die Portionen sind riesig und die Preise erstaunlich klein.
Und das beim Zimmerservice.
Am meisten aber begeistert mich allerdings die kleine Vase mit dem einzelnen Blümchen. Ist das nicht hübsch gemacht?

So geht es weiter
Morgen steht tatsächlich unser allerletzter Umzug an. Es geht nach Shanghai, zur letzten Station dieser langen, langen Reise durch China.
Und noch etwas wird zum letzten Mal passieren: Wir fahren zum letzten Mal mit dem Zug. Allein der Gedanke stimmt uns ein wenig traurig.
Nun heißt es also langsam Abschied nehmen. Von den Bahnhöfen, den Hochgeschwindigkeitszügen und dem Gefühl, immer wieder in eine völlig neue Welt
hineinzufahren.
Shanghai wird noch einmal ganz anders. Eine glitzernde Metropole, international und modern. Eine Stadt, von der es oft heißt, sie sei gar nicht
mehr das „richtige“ China. Ob das tatsächlich stimmt? Wir werden sehen.
Ein letztes Kapitel liegt noch vor uns. Aber zum ersten Mal fühlt es sich nicht nur nach Weiterreise an, sondern bereits ein wenig nach Abschied.


